Einordnung: Ein Thema für Ethik-, Politik- und Geographieunterricht

Die Frage, wie ein alltäglicher Smartphone-Kauf mit einem Krieg im Kongo und mit Kinderarbeit in Ghana zusammenhängt, ist fachlich mehrfach anschlussfähig und eignet sich daher auch für fächerübergreifenden oder parallelen Einsatz:

  • Ethik: Der Fall konkretisiert Marx‘ Begriff der „entfremdeten Arbeit“ an einem greifbaren Beispiel (Bokeles Familie), stellt die Vorstellung vom homo oeconomicus (Annas Kaufentscheidung, Konsumverhalten) auf die Probe und wirft die Frage nach individueller vs. struktureller Verantwortung in globalen Lieferketten auf – ein Kernanliegen des Lernbereichs.
  • Politik und Gesellschaft: Das Thema eignet sich für Global Governance und internationale Politik (Konfliktökonomie, bewaffnete Gruppen und Rohstoffhandel), für die Wirkungsweise von Recht (Dodd-Frank Act, EU-Verordnungen, Lobbying gegen Regulierung) sowie für Fragen globaler Gerechtigkeit zwischen Globalem Norden und Süden.
  • Geographie: Der Fall liefert ein Fallbeispiel für Rohstoffgeographie und globale Warenketten („global commodity chains“), für Disparitäten zwischen Räumen unterschiedlicher Entwicklung sowie für Globalisierungsfolgen wie Standortverlagerung von Produktion, Rohstoffgewinnung und Entsorgung.

Die Kartensätze sind bewusst so gestaltet, dass sie ohne große Anpassung auch in Politik & Gesellschaft oder Geographie eingesetzt werden können – lediglich die Rahmung über die Leitfrage und die Auswertung sollten auf die jeweiligen Fachkompetenzen hin zugeschnitten werden.

Methodische Begründung: Mystery im Tandem-Verfahren

Die Kombination aus Mystery-Methode und arbeitsteiliger Gruppenarbeit wird hier bewusst nicht als „Gruppenpuzzle“ bezeichnet, auch wenn die Grundidee – Aufteilen, getrennt bearbeiten, wieder zusammenführen – ähnlich ist. Das klassische Gruppenpuzzle (Jigsaw, Aronson 1978) funktioniert auf Einzelpersonen-Ebene: Jedes Mitglied einer Stammgruppe wird in einer Expertengruppe zu genau einem Teilaspekt zur Einzelexpertin bzw. zum Einzelexperten und kehrt anschließend in die ursprüngliche, heterogene Stammgruppe zurück, um dort ihr/sein Wissen an alle anderen weiterzugeben.

In diesem Material findet die Arbeitsteilung dagegen auf Gruppenebene statt: Eine ganze Gruppe (3–4 Personen) bearbeitet gemeinsam eine von zwei Mystery-Sphären, und am Ende treffen jeweils zwei ganze Gruppen – nicht einzelne Individuen – aufeinander, um ihre Ergebnisse im Tandem zusammenzuführen. Es gibt also weder individuelle Einzelexpertise noch eine Rückkehr in eine dritte, neu gemischte Gruppe. Treffender ist daher die Bezeichnung „Mystery im Tandem-Verfahren“ bzw. „arbeitsteiliges Doppel-Mystery“.

Die Kombination lohnt sich dennoch didaktisch: Die Mystery-Methode allein verlangt beim vollständigen 25-Karten-Set eine hohe kognitive Last (Ordnen, Clustern, Verknüpfen aller Karten zu einem Wirkungsgefüge). Durch die Aufteilung in zwei kleinere, in sich stimmige Teil-Mysteries sinkt diese Last pro Gruppe erheblich, ohne dass auf die zentrale Mystery-Kompetenz – das eigenständige Herstellen kausaler Zusammenhänge – verzichtet werden müsste. Die anschließende Tandem-Phase erzwingt zusätzlich eine zweite, für die Mystery-Methode untypische Leistung: das mündliche Erklären der eigenen Ergebnisse gegenüber Mitschüler:innen, die das eigene Kartenset nicht kennen – eine Form von Reziprokem Lehren, die Verstehen und Kommunikationskompetenz zugleich fordert.

Fachdidaktischer Kommentar: Einordnung in die Lösungsorientierungs-Debatte

In der aktuellen geographie- und wirtschaftsethikdidaktischen Diskussion wird zwischen drei Stufen der Auseinandersetzung mit globalen Herausforderungen unterschieden (Hoffmann 2018a, 2018b, 2021): Problemorientierung (nur das Problem wird analysiert), Problemlösungsorientierung (Problem einführen, analysieren, dann Lösungen diskutieren) und die von Thomas Hoffmann vorgeschlagene strikte Lösungsorientierung, die den Unterricht mit einer faszinierenden Lösungsidee eröffnet und dieser mehr Zeit einräumt als der Problemanalyse. Begründet wird dies pädagogisch-psychologisch: Klassische Katastrophenbilder als Einstieg lösen beim „schnellen Denken“ (Kahneman 2011) tendenziell Resignation und Hoffnungslosigkeit aus, während ein Einstieg über eine wirksame Lösung von Beginn an einen konstruktiv-positiven Denkmodus erzeugt.

Das vorliegende Material ist in seiner Grundanlage problemlösungsorientiert: Beide Mystery-Sphären führen zunächst in ein Problem ein (Rohstoffkonflikt, Elektroschrott) und enthalten Lösungsansätze als einzelne Karten innerhalb des Kartensets (Fairphone, EU-Konfliktmineralien-Verordnung, LkSG/CSDDD, EU-Exportverbot für Elektroschrott). Ein Wechsel zur strikten Lösungsorientierung – Unterrichtseinstieg über das Fairphone statt über Annas Geschichte – wäre möglich (siehe Hinweis unten), würde aber die sorgfältig aufgebaute Doppelperspektive Kongo/Ghana erschweren, da diese gerade die Gleichzeitigkeit zweier ungelöster Problemlagen sichtbar machen soll.

Stattdessen folgt dieses Material der von Karl Walter Hoffmann (2021; Diercke 360°, Heft 1/2023) vorgeschlagenen reflektierten Problemlösungsorientierung: Problemraum und Lösungsraum werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern lernwirksam aufeinander bezogen. Der Problemraum (Kartenarbeit, Wirkungsgefüge) fördert analytisches Denken und mündet in ein Sachurteil; ein eigens ergänzter Lösungsraum (Kapitel 8) fördert kritisch-bewertendes Denken und mündet in ein Werturteil. Diese Trennung ist begründet, weil die strikte Lösungsorientierung in der Kritik steht, Lösungen vorschnell auf Technik- und Gesetzesebene zu verorten und dabei die individuelle Handlungsebene sowie die Frage nach Durchsetzbarkeit und Macht auszublenden (K. W. Hoffmann 2021) – Kritikpunkte, die angesichts der im Material dokumentierten Abschwächung der EU-Lieferkettenrichtlinie durch Wirtschaftslobbys (Karte A11) besonders greifbar werden.

Zusätzlich stützt sich das Material auf die u.a. von Rainer Mehren (2015) beschriebene doppelte Komplexität wirtschaftsethischer Themen (faktisch und ethisch zugleich) sowie auf das von Eva Marie Ulrich-Riedhammer (2021) und Stefan Applis für den lösungsorientierten Geographieunterricht empfohlene Prinzip der „Geschichten des Wandels“: reale, narrativ zugängliche Fallgeschichten schaffen Identifikation und wirken motivierender als abstrakte Statistiken – ein Prinzip, das in diesem Material bereits über die Anna-Bokele-Abena-Rahmenerzählung umgesetzt ist. Die acht Schlüsselkompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (UNESCO 2017) – u. a. kritisches, systemisches und vorausschauendes Denken sowie normative und strategische Kompetenz – werden im Zusammenspiel von Problem- und Lösungsraum gezielt angesprochen.

Alternative für erfahrene Lerngruppen: Wer den strikt lösungsorientierten Einstieg nach Thomas Hoffmann erproben möchte, kann Kapitel 1 durch einen Einstieg über Karte A3 (Fairphone-Zitat) ersetzen und die Leitfrage umformulieren in: „Bas van Abel glaubt, mit einem fairen Smartphone einen Krieg beenden zu können – kann das funktionieren?“ Die Wirkungsgefüge-Arbeit (Kap. 3–5) und der neue Lösungsraum (Kap. 8) bleiben davon unberührt.

Das vollständige Mystery zu Rohstoffabbau und Elektroschrott ist mit 25 Karten anspruchsvoll. In dieser Fassung wird das Thema daher in zwei überschaubare Teilaufgaben aufgeteilt, die parallel bearbeitet und anschließend zusammengeführt werden. So bleibt die kognitive Last pro Gruppe geringer, während am Ende trotzdem – gemeinsam erarbeitet – das vollständige Wirkungsgefüge zwischen Rohstoffabbau im Kongo und Elektroschrott-Recycling in Ghana entsteht.

Unterrichtsmaterial

Das Vorgehen in Kürze

  • Beide Gruppentypen erhalten 4 identische „Anker-Karten“ mit dem Erzählstrang um Anna – das gemeinsame Fundament.
  • Zusätzlich erhält jede Gruppe 10–11 Karten, die nur für ihr Teilthema gelten (Gruppe A: Rohstoffabbau im Kongo – 11 Karten, Gruppe B: Konsum & Elektroschrott in Ghana – 10 Karten).
  • Jede Gruppe beantwortet zunächst nur ihre Teilfrage und erstellt ein Teil-Wirkungsgefüge.
  • In der Tandem-Phase trifft je eine A-Gruppe auf eine B-Gruppe. Sie legen ihre Plakate nebeneinander, verbinden sie über die gemeinsamen Anker-Karten und beantworten gemeinsam die große Leitfrage.

Materialhinweis: Farbcodierung

Es empfiehlt sich, die drei Kartentypen auf unterschiedlich farbigem Papier zu drucken – das erleichtert das Erkennen und spätere Zusammenführen erheblich:

  • Gelb = gemeinsame Anker-Karten (in beiden Sets identisch)
  • Blau = Karten nur für Gruppe A (Rohstoffabbau)
  • Grün = Karten nur für Gruppe B (Elektroschrott-Recycling)

In diesem Dokument sind die Karten entsprechend farblich hinterlegt (Gelb / Blau / Grün), damit sie beim Ausdrucken direkt zugeordnet werden können.

Gemeinsamer Einstieg für die ganze Klasse

Anna ist 16 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern in Deutschland. Ihr jetziges Smartphone hat sie vor zwei Jahren bekommen – der Akku hält kaum noch einen halben Schultag durch, der Speicher ist ständig voll. Seit Wochen dreht sich in der Familie fast alles um ein Thema: Annas Wunsch nach einem neuen Gerät.

Mittwochmorgen, Annas 16. Geburtstag: Auf dem Frühstückstisch liegt ein glänzend verpacktes Päckchen. Ihr Wunsch geht in Erfüllung – 649 Euro haben ihre Eltern investiert, auch weil sie ihrer Tochter eine Freude machen wollten. Ihr altes Handy landet noch am selben Abend in der Schreibtischschublade: „Kommt irgendwann mal weg“, denkt sich Anna – wie Millionen andere Menschen mit ihren ausgedienten Geräten auch.

Am Abend läuft im Radio eine Nachrichtensendung. Zuerst geht es um einen Prozess: Die Regierung der Demokratischen Republik Kongo hat vor einem europäischen Gericht Klage gegen einen großen Elektronikkonzern eingereicht – Vorwurf: illegal abgebautes Coltan aus Kriegsgebieten in der Lieferkette. Dann folgt ein Bericht über Elektroschrott, der auf Deponien in Westafrika lande und dort von Kindern auseinandergenommen werde. Anna hört zum ersten Mal die Wörter „Coltan“ und „Agbogbloshie“ – und schaltet kurz danach ab, als der Moderator zum Wetter übergeht.

Am selben Mittwochmorgen, nur zeitversetzt: Im Osten der D. R. Kongo, nahe der umkämpften Minenstadt Rubaya, kommt Bokeles Bruder blass zurück nach Hause – das Bergbauunternehmen hat ihn entlassen, so wie hunderte andere zuletzt auch. Immer mehr Arbeiter haben ihre Anstellung verloren; jetzt werden auch die jüngeren Geschwister die Schule verlassen und mitarbeiten müssen, weil das Schulgeld fehlt.

In Accra, der Hauptstadt Ghanas, erwacht die vierzehnjährige Abena mit hartnäckigem Husten, der sie schon seit Tagen begleitet. Liegen bleiben kann sie trotzdem nicht: Auf der Deponie am Stadtrand wartet Arbeit – zwischen Kabeln, Plastik und alten Handys, die aus aller Welt hier angespült werden. Auch aus Annas Heimat.

Leitfrage: „Annas neues Smartphone kostet 649 Euro – aber wer zahlt eigentlich den wirklichen Preis dafür, im Kongo und in Ghana?“

Arbeitsauftrag: Damit wir dieser Frage auf den Grund gehen können, teilen wir uns die Arbeit. Die eine Hälfte der Gruppen untersucht den Rohstoffabbau im Kongo, die andere Hälfte untersucht Konsum und Elektroschrott-Recycling in Ghana. Am Ende führen wir alle Ergebnisse zusammen.

2. Ablaufplan

Durch die zusätzliche Tandem-Phase und den ergänzten Lösungsraum ist diese Fassung zeitintensiver als das klassische Mystery. Empfehlung: eine Doppelstunde (90 Min.) für Phasen 1–4 (Problemraum/Sachurteil) und eine weitere Einzel- oder Doppelstunde für Phasen 5–6 (Lösungsraum/Werturteil) einplanen. Wer Zeit sparen muss, kann den Lösungsraum (Phase 5) auf 2–3 statt alle vier Lösungskarten begrenzen.

PhaseZeitInhaltSozialform
1. Einführung10 Min.Geschichte + große Leitfrage im Plenum; Ablauf des Tandem-Verfahrens erklären; Einteilung in Gruppe A (Rohstoffabbau) und Gruppe B (Elektroschrott-Recycling)Plenum
2. Themengruppen-Arbeit25 Min.Gruppe A bzw. B bearbeitet ihre Teilfrage mit 14–15 Karten (4 Anker- + 10–11 Themenkarten); Teil-Wirkungsgefüge auf Flipchart/PlakatGruppenarbeit (3–4 SuS)
3. Tandem-Zusammenführung20–25 Min.Je eine A-Gruppe trifft eine B-Gruppe; Plakate nebeneinanderlegen, über die gemeinsamen Anker-Karten verbinden, große Leitfrage gemeinsam schriftlich beantworten (Sachurteil)Tandem (2 Gruppen)
4. Präsentation15–20 Min.Tandems stellen ihr gemeinsames Wirkungsgefüge der Klasse vorPlenum
5. Lösungsraum20 Min.Die im Kartenset enthaltenen Lösungsansätze (Fairphone, Konfliktmineralien-VO, LkSG/CSDDD, EU-Exportverbot) anhand von Leitfragen kritisch prüfen und bewerten (Werturteil, Kap. 8)Tandem / Plenum
6. Reflexion10 Min.Reflexionsfragen besprechen (Kap. 9)Plenum / Einzelarbeit
Organisation bei größeren Klassen

Bei z. B. 24 Lernenden: 3 Gruppen A und 3 Gruppen B bilden (je 4 Personen), anschließend 3 Tandems (A1+B1, A2+B2, A3+B3) bilden. So arbeitet niemand allein und jedes Tandem erarbeitet ein vollständiges Wirkungsgefüge.

Hinweise zur Tandem-Zusammenführung

In der Tandem-Phase legen je eine Gruppe A und eine Gruppe B ihre Flipchart-Plakate nebeneinander. Folgender Ablauf hat sich bewährt:

• 1. Beide Gruppen erklären sich gegenseitig kurz ihr Teil-Wirkungsgefüge (je 3–4 Min.).

• 2. Die vier gelben Anker-Karten (S1–S4) tauchen auf beiden Plakaten auf – sie werden als gemeinsame Mitte identifiziert und ggf. auf einem dritten, größeren Blatt in der Mitte platziert.

• 3. Von dort aus werden Pfeile zu beiden Seiten gezogen: links die Ursachen aus dem Rohstoffabbau (blau), rechts Konsum und Recycling (grün).

• 4. Zusätzlich suchen die Tandems mindestens zwei Querverbindungen zwischen einer blauen und einer grünen Karte (z. B.: Karte A7 „Bokeles Familie ohne Arbeitsvertrag“ ↔ Karte B4 „Abenas Arbeit mit Giftstoffen“ – prekäre Arbeit an beiden Enden der Lieferkette; Karte A2 „Dodd-Frank Act“ ↔ Karte B9 „EU-Exportverbot, aber Umgehung durch Falschdeklaration“ – Gesetze, die in der Praxis umgangen werden; oder Karte A11 „EU-Lieferkettenrichtlinie durch Lobbydruck abgeschwächt“ ↔ Karte B9 – ein wiederkehrendes Muster: Schutzgesetze werden erlassen, aber durch Wirtschaftsinteressen wieder verwässert oder umgangen).

• 5. Gemeinsam formulieren beide Gruppen eine ausführliche schriftliche Antwort auf die große Leitfrage aus Kapitel 1 (Sachurteil) – die Bewertung der Lösungsansätze (Werturteil) folgt in Kapitel 7.

Mögliche Gesamtstruktur (Vorschlag für die Lehrperson zur Orientierung)

Mitte: Anna und ihr neues Smartphone (S1–S4) → links: Rohstoffabbau, Krieg und prekäre Arbeit im Kongo (Gruppe A) → rechts: Konsumverhalten, Obsoleszenz und Elektroschrott-Recycling in Ghana (Gruppe B) → Rückbezug: Diese globale Lieferkette erklärt, warum ein einzelner Smartphone-Kauf gleichzeitig Konflikte im Kongo befeuern und Kinderarbeit in Ghana verlängern kann – ohne dass Anna davon etwas mitbekommt.

Lösungsraum: Die vorgeschlagenen Lösungen kritisch prüfen

Diese Phase setzt den in Kapitel 1–6 erarbeiteten Problemraum (Sachurteil) bewusst in Beziehung zu einem eigenständigen Lösungsraum (Werturteil) – nach dem Prinzip der reflektierten Problemlösungsorientierung (K. W. Hoffmann 2021; vgl. fachdidaktischer Kommentar). Statt Lösungen nur beiläufig als weitere Karten zu behandeln, werden sie hier gezielt anhand einheitlicher Prüffragen bewertet.

Leitoperator: „Wie gut löst dieser Ansatz das Problem tatsächlich – und für wen nicht?“

Vier Lösungsansätze aus dem Kartenmaterial

• Fairphone (Karte A3) – unternehmerische Selbstverpflichtung auf Produktebene

• EU-Konfliktmineralien-Verordnung (Karte A1) – gesetzliche Sorgfaltspflicht für Importeure

• LkSG / EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD (Karte A11) – umfassendere unternehmerische Sorgfaltspflicht, aktuell abgeschwächt

• EU-Exportverbot für gefährlichen Elektroschrott (Karte B9) – Verbotsregelung mit Vollzugsproblem

Prüffragen je Lösungsansatz (in Tandems bearbeiten)

• Reichweite: Wen bzw. was erfasst dieser Ansatz – und wen bzw. was ausdrücklich nicht (vgl. Karte A1: nur 4 von vielen Rohstoffen)?

• Wirksamkeit: Gibt es Hinweise, dass der Ansatz das Ausgangsproblem tatsächlich verringert, oder bleibt er folgenlos/wird umgangen (vgl. Karte B9: Falschdeklaration)?

• Durchsetzbarkeit: Welche Akteure könnten ein Interesse haben, den Ansatz zu schwächen oder zu verhindern (vgl. Karte A11: Lobbydruck im „Omnibus“-Verfahren)?

• Individuelle Ebene: Was, wenn überhaupt, kann eine einzelne Person (z. B. Anna) zusätzlich zu diesem Ansatz selbst beitragen?

Auftrag

• 1. Jedes Tandem wählt zwei der vier Lösungsansätze aus und beantwortet für beide alle vier Prüffragen schriftlich.

• 2. Formuliert ein begründetes Werturteil: Reicht die Summe der vorhandenen Lösungsansätze aus, um die große Leitfrage aus Kapitel 1 positiv zu beantworten? Was würde zusätzlich gebraucht?

• 3. Optional (Transfer): Was würdet ihr Bas van Abel (Fairphone) oder einer Abgeordneten im EU-Parlament auf Grundlage eurer Prüfung raten?

Fragen zur metakognitiven Reflexion

Wie sind wir vorgegangen?

• Wie haben wir in unserer Themengruppe entschieden, welche Karten wichtig sind?

• Was war schwieriger: unsere eigene Teilfrage zu lösen oder unser Ergebnis mit der anderen Gruppe zu verbinden?

Was haben wir von der anderen Gruppe gelernt?

• Welche Information aus dem anderen Kartenset hat euch überrascht?

• Hättet ihr die große Leitfrage allein mit eurem eigenen Kartenset vollständig beantworten können? Warum (nicht)?

Sachurteil und Werturteil unterscheiden

• Was war in eurer Arbeit reine Sachanalyse (Wirkungsgefüge, Kapitel 1–6) – und was war bereits Bewertung (Lösungsraum, Kapitel 7)?

• War es leichter, das Problem zu analysieren oder die Lösungsansätze zu bewerten? Woran lag das?

Was war die Grundlage für unsere Werturteile?

• Wer trägt aus eurer Sicht die größte Verantwortung: die Konsument:innen, die Konzerne, die Politik – oder mehrere zusammen?

• Findet ihr Initiativen wie Fairphone eine echte Lösung oder eher ein Feigenblatt? Begründet.

Transfer

• Was bedeutet die Situation im Kongo/Ghana für andere Rohstoffe oder Produkte, die ihr kennt (z. B. Kleidung, Kakao, Batterien für E-Autos)?

• Was würdet ihr Anna raten – und was würdet ihr einem Elektronikkonzern raten?

Bewertung der Tandem-Ergebnisse

Für die gemeinsame schriftliche Antwort des Tandems eignet sich eine vereinfachte Fassung der SOLO-Taxonomie (nach Biggs/Collins 1982):

• Stufe 1 – Unstrukturiert: Die Antwort geht an der Leitfrage vorbei.

• Stufe 2 – Einfach: Es wird nur eine Teilfrage (A oder B) beantwortet, ohne Verbindung zur anderen Seite.

• Stufe 3 – Mehrschichtig: Beide Teilfragen werden nebeneinander genannt, aber nicht wirklich verknüpft.

• Stufe 4 – Zusammenhängend (Sachurteil): Rohstoffabbau und Konsum/Recycling werden schlüssig miteinander verbunden (mindestens zwei Querverbindungen erkennbar).

• Stufe 5 – Ausführlich-abstrakt (Sachurteil + Werturteil): Zusätzlich wird im Lösungsraum (Kap. 7) begründet bewertet, wie wirksam, wie weitreichend und wie durchsetzbar die vorgestellten Lösungsansätze tatsächlich sind – nicht nur, dass es sie gibt.

Für eine 10. Klasse Gymnasium ist das Erreichen von Stufe 4 (Sachurteil) ein realistisches Ziel; Stufe 5 mit reflektiertem Werturteil im Lösungsraum sollte als Regelanforderung für starke Tandems angestrebt werden – insbesondere der Bezug zu Marx‘ Begriff der „entfremdeten Arbeit“ (Eth10 LB3) sowie eine kritische Einordnung der EU-Lieferkettenrichtlinie bieten sich hier für eine vertiefte Transferleistung an.

Text & Unterrichtsmaterial: Stefan Applis (2026)

Bild: freepik/magnific (2026)

Quellen und Bildmaterial (Stand: August 2026)

Vollständige Übersicht aller im Dokument verwendeten Text- und Bildquellen, geordnet nach Themenblöcken. Die direkt nutzbaren Bildlinks stehen gesammelt am Ende dieses Kapitels.

Rohstoffabbau, Konfliktmineralien, Fairphone

• Konfliktmineralien, Dodd-Frank Act, Fairphone: focus.de, cio.de, whywar.at, care.de, itsma.de, hopp-recycling.de (04.11.2013); fairphone.com/de/story

• Ressourcenfluch: Paul Collier, Weltbankökonom, Columbia University

• Apple-Klage wegen Konfliktmineralien: nzz.ch, faz.net (Dez. 2024)

• M23-Offensive und US-Rohstoffabkommen „Minerals for Peace“: dandc.eu, telepolis.de (2025/2026)

• Grubenunglück Rubaya, Februar 2026: en.wikipedia.org, „2026 Rubaya mines collapses“; apnews.com; aljazeera.com (Foto-Essay, Mai 2025)

Recht: Konfliktmineralien-Verordnung und Lieferkettenrichtlinie

• EU-Konfliktmineralien-Verordnung (2017/821): eur-lex.europa.eu; gtai.de; A&W-Blog (Stand: laufende Überprüfung 2026)

• EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD und Omnibus-Abschwächung: Richtlinie (EU) 2026/470 (Amtsblatt 26.02.2026); kpmg-law.de; mybusinessfuture.com; noerr.com; IHK Köln/Osnabrück

Konsum, Elektroschrott, Recycling in Ghana

• Elektroschrott, Kinderarbeit Ghana: morgenweb.de, br.de (04.11.2013); Statista (2023, Zugriff 07.03.2025)

• Deutsches Elektro- und Elektronikgerätegesetz (2006): würzburg.de

• Globaler Elektroschrott, Agbogbloshie, EU-Exportregeln: UN Global E-Waste Monitor (2024); vol.at; Umweltbundesamt

• Informelle Recyclingwirtschaft Ghana: globalstudies.at (Global Studies, Uni Graz)

Lösungsorientierte Geographie- und Ethikdidaktik

• Hoffmann, Th. (2018a): TERRA Globale Herausforderungen 1. Die Zukunft, die wir wollen. Stuttgart: Klett.

• Hoffmann, Th. (2018b): Gerüstet für die Zukunft. Aufgaben des Geographieunterrichts. Praxis Geographie, 48(1), 4–9.

• Hoffmann, Th. (2021): Globale Herausforderungen und SDGs – ein strikt lösungsorientierter Unterrichtsansatz. In: Eberth, A.; Meyer, C. (Hrsg.): SDG Education. Hannover: Institut für Didaktik der Naturwissenschaften, 33–41.

• Hoffmann, K. W. (2021/2023): Zukunftsfach Geographie – eine Verortung zwischen strikter Lösungsorientierung und reflektierter Problemlösungsorientierung aus schulpraktischer Sicht. Diercke 360°, Heft 1/2023.

• Mehren, R. et al. (2015): Die doppelte Komplexität geographischer Themen. Eine lohnenswerte Herausforderung für Schüler und Lehrer. Geographie aktuell & Schule, 216/37, 4–11.

• Ulrich-Riedhammer, M. (2021): Ethisches Fragen – lösungsorientiert und konkret. doinggeoandethics.com

• UNESCO (2017): Education for Sustainable Development – Learning Objectives. Paris: UNESCO (acht Schlüsselkompetenzen für BNE).

• Kahneman, D. (2011): Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler.

Bildmaterial: Direktlinks

Frei nutzbare bzw. offiziell bereitgestellte Bilder und Foto-Essays, thematisch verteilt auf beide Gruppen:

Coltan-Miner bei der Arbeit in Rubaya, D. R. Kongo (Foto-Essay): https://www.aljazeera.com/gallery/2025/5/19/dr-congos-coltan-miners-struggle-as-they-dig-to-feed-worlds-tech

Hintergrund zu den Coltan-Minen von Rubaya (Wikipedia): https://en.wikipedia.org/wiki/Rubaya_mines

Hintergrund zum Grubenunglück Februar 2026 (Wikipedia): https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Rubaya_mines_collapses

Kupfergewinnung durch Verbrennen von Kabeln in Agbogbloshie, Accra (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0): https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Agbogbloshie,_Ghana_2019.jpg

Elektroschrott in Agbogbloshie, Accra (Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0): https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Electronic_waste_at_Agbogbloshie,_Ghana.jpg

Weitere Fotos: Kategorie Agbogbloshie (Wikimedia Commons): https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Agbogbloshie

Fairphone – offizielle Bildergalerie und Herstellerinformationen: https://www.fairphone.com/de/story/

Hinweis: Die Zahlen und Fakten wurden im August 2026 recherchiert und für den Unterricht sprachlich vereinfacht sowie narrativ eingebettet. Vor erneutem Einsatz empfiehlt sich eine kurze Aktualisierung, da sich Rohstoffmärkte, Rechtslage und die Konfliktdynamik im Kongo derzeit dynamisch entwickeln.