1. Grundlagen zum britischen Mietmarkt
England hat einen sehr großen privaten Mietsektor. Anders als in Deutschland, wo Genossenschaften, Sozialwohnungen und ein traditionell starker Mieterschutz eine größere Rolle spielen, wurde der öffentliche Wohnungsbestand in England seit den 1980er-Jahren durch das „Right to Buy“-Programm (Verkauf von Sozialwohnungen an Mieter:innen) stark reduziert. Der private Mietsektor ist entsprechend gewachsen und wichtiger geworden. Der bisherige Standard-Mietvertrag war die „Assured Shorthold Tenancy“ (AST) – meist befristet auf 6 bis 12 Monate. Zentral war dabei „Section 21“ des Housing Act 1988: Sie erlaubte Vermieter:innen, ein Mietverhältnis ohne Angabe von Gründen zu beenden („no-fault eviction“), sofern die Kündigungsfrist von zwei Monaten eingehalten wurde. Kritisiert wurde das, weil Mieter:innen dadurch de facto kaum Beschwerden über Mängel äußern konnten, ohne eine Kündigung zu riskieren. Dem sollte der Renters‘ Rights Act (in Kraft seit 1. Mai 2026) Einhalt gebieten:
- Section 21 ist abgeschafft. Alle bestehenden befristeten Mietverträge wandeln sich automatisch in unbefristete, fortlaufende („periodic“) Mietverhältnisse um.
- Vermieter:innen müssen künftig einen anerkannten Grund nach Section 8 angeben, z. B. Eigenbedarf, Verkaufsabsicht, Mietrückstand oder Fehlverhalten.
- Mieterhöhungen sind nur noch einmal jährlich über ein förmliches Verfahren (Section 13) möglich. Mieter:innen können die Angemessenheit vor einem Tribunal prüfen lassen – das Tribunal darf die Miete dabei aber nicht höher ansetzen, als ursprünglich verlangt.
- Weitere Reformstufen (unabhängige Ombudsstelle, zentrales Vermieterregister, verbindlicher Wohnstandard) folgen erst ab Ende 2026 bzw. später.
Wichtig für den Unterricht: Der Renters‘ Rights Act ist KEINE Mietpreisbremse im Sinne einer gesetzlichen Obergrenze für Mieten. Genau das fordern Mietervereine zusätzlich – es ist bislang nicht Teil der Reform. Diese Unterscheidung hilft, Missverständnisse in der Klasse zu vermeiden.
Auf der Angebotsseite ist der Wohnungsbau eingebrochen: Bauverzögerungen durch strengere Sicherheitsauflagen (u. a. als Folge des Grenfell-Tower-Brands 2017), hohe Zinsen, gestiegene Baukosten und der Rückzug internationaler Käufer:innen als Vorab-Finanzierer großer Bauprojekte. Auf der Nachfrageseite ist die Bevölkerung Londons seit 2001 deutlich gewachsen. Hinzu kommt eine Fehlallokation vorhandener Wohnungen: Ein erheblicher Teil der teuersten Wohnungen wird von ausländischen Investorinnen und Investoren als reine Geldanlage gekauft und bleibt ungenutzt – das ist der Kern der „Donut-London“-These.
In der gesellschaftliche Debatte in Großbritannien werden die folgenden Positionen vertreten:
- Mieterbewegung (z. B. London Renters Union) fordert eine gesetzliche Mietpreisbremse und mehr Sozialwohnungsbau; sieht den Renters‘ Rights Act als wichtigen, aber unzureichenden ersten Schritt.
- Vermieter- und Immobilienverbände warnen, dass zu strikte Regulierung Investitionen in Mietwohnungen unattraktiv macht und dadurch das Angebot weiter sinken könnte; sehen den Wohnungsmangel als Kernproblem, nicht die Miethöhe selbst.
- Politik: Die Labour-Regierung positioniert sich zwischen beiden Polen (Reform ja, Mietpreisbremse nein); die Grünen fordern weitergehende Maßnahmen; die konservative Opposition kritisiert die Wohnungspolitik des Bürgermeisters als gescheitert.
Für den Unterricht empfiehlt sich vor diesem Hintergrund auch eine ethische Reflexion der Themen und Arbeitsergebnisse; hierzu werden in sprachlich vereinfachter Form Kärtchen für grundlegende ethische Positionen zu Gerechtkeitsfragen bereit gestellt, die Wohnen, Mieten und Vermieten betreffen,
2. Unterrichtsmaterial
Einstiegsgeschichte für beide Mystery-Gruppen
Kwame Owusu ist 13 Jahre alt und wohnt mit seinen Eltern in Peckham, einem Stadtteil im Süden Londons. Sein Vater Kwabena arbeitet als Pfleger im Krankenhaus, seine Mutter Ama putzt tagsüber Büros und kellnert abends noch in einem Café. Im März 2026 liegt ein Brief im Kasten: Der Vermieter kündigt an, die Miete von 1.450 auf 1.900 Pfund im Monat zu erhöhen. Kwames Eltern sitzen lange schweigend am Küchentisch.
Am Abend läuft im Radio eine Nachrichtensendung: erst über ein neues Mietgesetz, dann über tausende leerstehende Wohnungen in London. Kwame versteht die Welt nicht mehr: Wenn es in seiner Stadt doch so viel Reichtum und so viele leere Wohnungen gibt – warum muss seine Familie dann vielleicht bald ausziehen?
Leitfrage: „London ist reicher als je zuvor und tausende Wohnungen stehen leer – warum findet Familie Owusu trotzdem keine bezahlbare Wohnung?“
Warum ein Gruppenpuzzle?
Das vollständige Mystery zur Londoner Wohnungsnot ist mit 24 Karten für 13-Jährige anspruchsvoll. In dieser Fassung wird das Thema daher in zwei überschaubare Teilaufgaben aufgeteilt, die parallel bearbeitet und anschließend zusammengeführt werden. So bleibt die kognitive Last pro Gruppe geringer, während am Ende trotzdem – gemeinsam erarbeitet – das vollständige Wirkungsgefüge entsteht:
- Die Klasse wird in Markt-Gruppen (Gruppe A) und Politik-Gruppen (Gruppe B) aufgeteilt (bei größeren Klassen mehrere Gruppen pro Typ, je 3–4 Personen).
- Beide Gruppentypen erhalten 4 identische „Anker-Karten“ mit dem Erzählstrang um Familie Owusu – das gemeinsame Fundament.
- Zusätzlich erhält jede Gruppe 10 Karten, die nur für ihr Teilthema gelten (Gruppe A: Wohnungsmarkt, Gruppe B: Politik & Gesellschaft).
- Jede Gruppe beantwortet zunächst nur ihre Teilfrage und erstellt ein Teil-Wirkungsgefüge.
- In der Tandem-Phase trifft je eine A-Gruppe auf eine B-Gruppe. Sie legen ihre Plakate nebeneinander, verbinden sie über die gemeinsamen Anker-Karten und beantworten gemeinsam die große Leitfrage.
Materialhinweis: Farbcodierung
Es empfiehlt sich, die drei Kartentypen auf unterschiedlich farbigem Papier zu drucken – das erleichtert das Erkennen und spätere Zusammenführen erheblich:
- Gelb = gemeinsame Anker-Karten (in beiden Sets identisch)
- Blau = Karten nur für Gruppe A (Wohnungsmarkt)
- Grün = Karten nur für Gruppe B (Politik & Gesellschaft)
In diesem Dokument sind die Karten entsprechend farblich hinterlegt (Gelb / Blau / Grün), damit sie beim Ausdrucken direkt zugeordnet werden können.
Abbildungen
Es wird empfohlen, den Schüler*innen geeignetes Bildmaterial zur Hand zu geben, dass sie beim Sortieren der Kärtchen und damit beim Lösen der Mystery-Fragen unterstützt; Empfehlungen hierzu finden sich unten.
3. Ablaufplan
Durch die zusätzliche Tandem-Phase ist diese Fassung etwas zeitintensiver als das klassische Mystery. Empfehlung: eine Doppelstunde (90 Min.) straff durchführen oder auf zwei reguläre Einzelstunden verteilen (Stunde 1: Phasen 1-2, Stunde 2: Phasen 3-5).
| Phase | Zeit | Inhalt | Sozialform |
| 1. Einführung | 10 Min. | Geschichte + große Leitfrage im Plenum; Gruppenpuzzle-Prinzip erklären; Einteilung in Gruppe A (Markt) und Gruppe B (Politik/Gesellschaft) | Plenum |
| 2. Themengruppen-Arbeit | 25 Min. | Gruppe A bzw. B bearbeitet ihre Teilfrage mit je 14 Karten (4 Anker- + 10 Themenkarten); Teil-Wirkungsgefüge auf Flipchart | Gruppenarbeit (3-4 SuS) |
| 3. Tandem-Zusammenführung | 20-25 Min. | Je eine A-Gruppe trifft eine B-Gruppe; Plakate nebeneinanderlegen, über die gemeinsamen Anker-Karten verbinden, große Leitfrage gemeinsam schriftlich beantworten | Tandem (2 Gruppen) |
| 4. Präsentation | 15-20 Min. | Tandems stellen ihr gemeinsames Wirkungsgefüge der Klasse vor | Plenum |
| 5. Reflexion | 10 Min. | Reflexionsfragen besprechen (Kap. 6) | Plenum / Einzelarbeit |
Organisation bei größeren Klassen
Bei z. B. 24 Lernenden: 3 Gruppen A und 3 Gruppen B bilden (je 4 Personen), anschließend 3 Tandems (A1+B1, A2+B2, A3+B3) bilden. So arbeitet niemand allein und jedes Tandem erarbeitet ein vollständiges Wirkungsgefüge.
Hinweise zur Tandem-Zusammenführung
In der Tandem-Phase legen je eine Gruppe A und eine Gruppe B ihre Flipchart-Plakate nebeneinander. Folgender Ablauf hat sich bewährt:
- Beide Gruppen erklären sich gegenseitig kurz ihr Teil-Wirkungsgefüge (je 3-4 Min.).
- Die vier gelben Anker-Karten (S1-S4) tauchen auf beiden Plakaten auf – sie werden als gemeinsame Mitte identifiziert und ggf. auf einem dritten, größeren Blatt in der Mitte platziert.
- Von dort aus werden Pfeile zu beiden Seiten gezogen: links die Ursachen aus dem Wohnungsmarkt (blau), rechts die Reaktionen aus Politik und Gesellschaft (grün).
- Zusätzlich suchen die Tandems mindestens zwei Querverbindungen zwischen einer blauen und einer grünen Karte (z. B.: Karte A3/A4 „leere Investorenwohnungen“ ↔ Karte B3/B5 „Proteste für Mietpreisbremse“; oder Karte A6 „zu wenig Neubau“ ↔ Karte B8 „Stadt senkt Bauquote“).
- Gemeinsam formulieren beide Gruppen eine ausführliche schriftliche Antwort auf die große Leitfrage aus Kapitel 1.
Text & Unterrichtsmaterial: Stefan Applis (2026)
Bild: freepik/magnific (2026)
3. Quellen (Stand: Juli 2026)
- Renters‘ Rights Act 2026 / Ende der Section-21-Kündigungen: London Issue (14.11.2025); Chambré London (22.03.2026)
- Mietpreise London Mai 2026: Big Issue / ONS-Daten (Juni 2026)
- Leerstehende Wohnungen und „Donut-London“: Fitzrovia News / Haringey Community Press (10.-11.07.2026), London Assembly Housing Committee, 07.07.2026
- Bautätigkeit, Bevölkerungswachstum, Kaufpreise: Centre for London / The Spectator Australia (06.05.2026)
- Proteste, Ungleichheit: World Socialist Web Site (20.04.2026)
4. Bildmaterial-Empfehlungen (als Lernanker parallel zu den Karten)
Vier Bildkategorien passend zu den zentralen Konfliktlinien des Mysterys. Die Wikimedia-Commons-Links führen zu ganzen Kategorien mit vielen Fotos – bitte darin das für deine Klasse am besten passende Motiv auswählen und beim Ausdruck den Fotografennamen (steht auf der jeweiligen Dateiseite) mit angeben.
A) Reichtum und teure Architektur (Kensington and Chelsea)
Passend zu den Karten zu Mietpreisen und zum Gegensatz „London ist reicher als je zuvor“.
• Wikimedia Commons: Houses in the Royal Borough of Kensington and Chelsea
• Wikimedia Commons: Apartment buildings in Kensington and Chelsea
Eigene Suchbegriffe für weitere Bilder: „Kensington townhouses“, „Notting Hill houses“, „Chelsea street London“
B) Neubauprojekte und Leerstand („Donut-London“)
Passend zu den Karten zu leerstehenden Investorenwohnungen. Achtung: Für tatsächlich leerstehende/dunkle Fenster gibt es kaum freie Pressefotos – hier bietet sich eher ein Symbolbild eines neuen Wohnturms an, ergänzt um die Erzählung aus der Karte („dunkle Fenster nachts“).
• Wikimedia Commons: Nine Elms (laufende Neubauprojekte am Südufer der Themse)
• Wikimedia Commons: Skyscrapers in London
Eigene Suchbegriffe für weitere Bilder: „Nine Elms tower construction“, „London new build skyline“, „Vauxhall Nine Elms development“
C) Sozialer Wohnungsbau (Peckham, Familie Owusus Stadtteil)
Passend zur Lebenswelt von Familie Owusu – zeigt den Kontrast zu Kensington.
• Wikimedia Commons: Housing estates in London
Eigene Suchbegriffe für weitere Bilder: „Peckham street London“, „North Peckham estate“, „London council estate“
D) Mieter-Proteste 2026
Passend zu den Karten zur Demonstration vom 18. April 2026 (Kap. 1, Quellen oben).
• Wikimedia Commons: Demonstrations in London
• Wikimedia Commons: Housing protests
Eigene Suchbegriffe für weitere Bilder: „London Renters Union march“, „London rent control protest 2026“, „housing demonstration London“
Didaktischer Hinweis
Für Gruppen, denen reine Textkarten schwerfallen, empfiehlt es sich, zu jeder der vier Kategorien ein bis zwei ausgedruckte Fotos parallel zu den passenden Informationskarten auf den Gruppentisch zu legen (z. B. Foto Kensington-Straße neben Karte 6, Foto Neubauprojekt neben Karte 7/8/9, Foto Demonstration neben Karte 14/15/16). So entsteht ein visueller Anker, der die Erinnerung an den Karteninhalt stützt, ohne die Textkarte selbst zu ersetzen.