1. Der Einfluss der Community of Philosophical Inquiry auf die deutschsprachige Philosophiedidaktik
1.1 Ausgangslage
Die Community of Philosophical Inquiry (CPI) entstand in den 1970er-Jahren in den USA als methodisches Herzstück von Matthew Lipmans und Ann Margaret Sharps Programm Philosophy for Children (Lipman/Sharp/Oscanyan 1980; Lipman 2003). Im deutschsprachigen Raum ist sie selten unter diesem Namen angekommen. Meist begegnet sie als „Philosophieren mit Kindern“, als „philosophisches Gespräch“ oder als „Denkkreis“ (vgl. Applis 2026). Diese Namensvielfalt ist kein Zufall. Sie zeigt, dass die deutsche Diskussion den amerikanischen Ansatz nicht einfach übernommen, sondern auf eigene Traditionen bezogen und dabei verändert hat.
1.2 Anknüpfungspunkte in der deutschen Tradition
Die Rezeption traf auf einen vorbereiteten Boden. Martens (1999) verweist auf Kant, der in seiner ethischen Didaktik eine sokratisch-dialogische Lehrart empfahl, bei der Kinder selbst urteilen, statt Formeln zu lernen. Als zweiten Vorläufer nennt er Herman Nohl. Dieser beschrieb 1922 in seinem Aufsatz „Die Philosophie in der Schule“ ein philosophisches Staunen bereits bei Grundschulkindern und schlug vor, im Gesamtunterricht an Themen aus ihrem Erfahrungsbereich zu philosophieren (Martens 1999, 16 ff.).
Eine dritte, eigenständige Linie ist das Sokratische Gespräch nach Leonard Nelson (1929), das Gustav Heckmann (1981) methodisch ausarbeitete. Es teilt mit der CPI die Grundidee, dass Erkenntnis im geregelten Gespräch einer Gruppe entsteht. Im Unterschied zur CPI zielt es aber auf Konsens und geht streng von einem selbst erlebten Beispiel aus. Für Lehrkräfte ist es daher bis heute ein naheliegender Vergleichspunkt.
1.3 Rezeption ab 1979: Ekkehard Martens und der Hamburger Kreis
Zentrale Figur der Rezeption ist der Hamburger Philosophiedidaktiker Ekkehard Martens. Er bot 1979 das erste Seminar zum Philosophieren mit Kindern an einer deutschen Universität an und machte das Feld damit zum Forschungsgegenstand. Im selben Jahr erschien seine Dialogisch-pragmatische Philosophiedidaktik (Martens 1979), die als erste Philosophiedidaktik im engeren Sinn gilt. Ende der 1970er-Jahre gründete er außerdem die Zeitschrift für Didaktik der Philosophie mit, die das Thema über Jahrzehnte begleitete.
Martens hat seine Bezugspunkte selbst benannt. Nach eigener Aussage beeinflussten ihn besonders Matthew Lipman und Gareth B. Matthews, mit denen er über viele Jahre in Kontakt stand (bpb 2016). Der Einfluss war also doppelt: über Lipman als Begründer der CPI und über Matthews, der Kinder als eigenständige philosophische Denker ernst nahm.
Parallel wurden die amerikanischen Grundlagen übersetzt. Lipmans Pixie erschien 1986 in Wien. Matthews‘ Gesprächsprotokolle kamen als Philosophische Gespräche mit Kindern (Matthews 1989) im Berliner Verlag von Hans-Ludwig Freese heraus, später folgte Die Philosophie der Kindheit (Matthews 1995). Freese selbst veröffentlichte Kinder sind Philosophen (Freese 1989). In Österreich baute Daniela Camhy ab 1985 in Graz das erste europäische Forschungszentrum für Kinderphilosophie auf. Dort fanden in einem FWF-Projekt auch die ersten Schulversuche zum Philosophieren mit Kindern in Europa statt (ÖGKJP o. J.; vgl. Camhy 1990).
1.4 Abgrenzung: vom „für“ zum „mit“
Die deutsche Diskussion übernahm Lipmans Grundidee der forschenden Gemeinschaft, kritisierte aber zwei Merkmale seines Programms.
Der erste Kritikpunkt betrifft das Curriculum. Lipmans Ansatz arbeitet mit eigens geschriebenen philosophischen Romanen und Lehrerhandbüchern, die einen Kanon philosophischer Inhalte vorgeben. Martens setzte dem den Begriff „Philosophieren mit Kindern“ entgegen. Er grenzt sich damit von „Philosophy for Children“ ab, weil dieser Ausdruck den Eindruck erwecke, Erwachsene ließen sich zum Niveau der Kinder herab. „Mit“ betont dagegen, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen am Gespräch beteiligt sind (bpb 2016). Der Titel seiner Einführung macht das Programm deutlich: Philosophieren mit Kindern ist für ihn zugleich eine Einführung in die Philosophie selbst (Martens 1999).
Der zweite Kritikpunkt betrifft den Denkbegriff. Lipman betont logisch-argumentatives Denken, auch wenn er es später um kreatives und fürsorgliches Denken erweiterte. In der deutschen Diskussion kamen präsentative, mehrdeutige Ausdrucksformen hinzu: Bilder, Märchen, Fabeln, Film und theatrales Philosophieren (Brüning/Martens 2007; Brüning 2001). Diese Erweiterung ist bis in die Rahmenpläne sichtbar.
Methodisch antwortete Martens mit der Fünf-Finger-Methode. Sie bündelt phänomenologische, hermeneutische, analytische, dialektische und spekulative Zugänge und versteht Philosophieren als „elementare Kulturtechnik“ neben Lesen, Schreiben und Rechnen (Martens 1996; 2003). Damit wurde die CPI in ein Methodenrepertoire eingebettet, das aus der europäischen Philosophiegeschichte begründet ist.
1.5 Institutionalisierung
Der Einfluss zeigt sich vor allem darin, dass das Philosophieren mit Kindern in Schule und Lehrerbildung Fuß fasste.
Mecklenburg-Vorpommern führte „Philosophieren mit Kindern“ als eigenes Schulfach ein. Es ist in der Grundschule Ersatzfach zum Religionsunterricht (Ministerium MV 2004) und reicht bis in die Sekundarstufe I. In Nordrhein-Westfalen begleitete Martens zusammen mit Dieter Birnbacher und Peter Nenninger 1997 bis 2001 den Schulversuch „Praktische Philosophie“, der seit 2003 reguläres Fach in der Sekundarstufe I ist.
In der Didaktik des Sachunterrichts entstand ein eigener Strang, der eher vom „Nachdenken mit Kindern“ spricht und Philosophieren als Unterrichtsprinzip versteht (Schreier 1999). Kerstin Michalik hat diesen Strang an der Universität Hamburg empirisch ausgebaut (Michalik 2018; de Boer/Michalik 2018). In Bayern verankerte die Akademie Kinder philosophieren das Verfahren über Fortbildungen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung ordnet es der politischen Bildung zu und stellt es ausdrücklich in Einklang mit dem Beutelsbacher Konsens (ISB o. J.). Seit 1999 unterstützt auch die UNESCO die Bewegung (Pfister 2010, 129); die Deutsche UNESCO-Kommission dokumentierte die Lage in Deutschland (Deutsche UNESCO-Kommission 2009).
2. Methodenkartei
Methoden für den philosophischen Denkkreis im Ethik- und Philosophieunterricht, geordnet nach den Phasen einer Untersuchung. Die Reiter folgen dem Ablauf vom Einstimmen bis zur Reflexion. Zeitangaben sind Richtwerte für eine geübte Gruppe. Bei den ersten Sitzungen etwa die Hälfte mehr einplanen.
3. Übersicht deutschsprachiger Webseiten mit Unterrichtsmaterial zum Philosophieren und zur Community of Inquiry
3.1 Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen
denkUNI, Universität Hamburg
Das Praxis- und Fortbildungsangebot von Kerstin Michalik ergänzt die Hamburger Forschung um Angebote für Schülerinnen und Schüler, Studierende und Lehrkräfte. Besonders nützlich für die Stimulus-Auswahl ist die thematisch sortierte Liste von (Bilder-)Büchern zum Philosophieren, dazu eine Fachliteraturliste.
Hamburger Bildungsserver: Philosophieren mit Kindern
Eine kuratierte Sammelseite, die unter anderem auf die denkUNI, das Web-Magazin Zzzebra, die Reihe „Gedankenflieger“ und Fachtexte von Michalik verlinkt. Ein guter Einstieg, wenn Sie nur eine Seite ansteuern möchten.
Philosophieren mit Kindern Hamburg e.V.
Der Verein um Kristina Calvert stellt Fachbeiträge zum Download, Literaturempfehlungen und Hinweise auf Workshops bereit.
Gedankenflieger (Literaturhaus Hamburg)
Das Projekt verbindet seit 2006 Bilderbücher und Philosophieren in der Grundschule. Es bietet eigens entwickelte pädagogische Materialien und Fortbildungen für Lehrkräfte.
Akademie für Philosophische Bildung und WerteDialog
Die bayerische Akademie im Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft ist für Sie in Bayern besonders relevant. Laut ISB finden Sie dort Anregungen, welche Themen sich zum Philosophieren eignen und wie sie an den LehrplanPLUS angebunden werden, außerdem Fortbildungen.
ISB Bayern: Kinder philosophieren
Die Seite im Portal Politische Bildung ordnet das Philosophieren der Demokratiebildung zu und verweist auf weitere Unterrichtsideen. Sie ist hilfreich, wenn Sie den Ansatz schulintern begründen möchten.
Lehrer-Online: Philosophische Gespräche mit Kindern
Eine Unterrichtseinheit mit methodischen Hilfen für philosophische Gespräche. Als Stimulus dient der Film „Der Zauberring“ aus der FWU-Mediathek, über den die Kinder Begriffe wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Verantwortung erschließen. Die Mediathek ist in Bayern über mebis zugänglich.
3.2 Allgemeine Portale für Ethik und Philosophie
Deutscher Bildungsserver: Philosophie und Ethik
Eine redaktionell gepflegte Linksammlung mit kostenlosen Arbeitsblättern und Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufen I und II.
Deutscher Bildungsserver: Philosophieren mit Kindern
Die entsprechende Sammelseite für den Elementar- und Primarbereich, mit Verweisen auf Vereine, Akademien und Fachartikel.
WirLernenOnline: Philosophie und Ethik
Ein offenes Portal mit frei zugänglichen Materialien ohne Zugangsbeschränkung, die von einer Fachredaktion gesichtet werden.
ZUM-Unterrichten: Ethik
Ein Wiki der Zentrale für Unterrichtsmedien mit Materialien, Fachdidaktik-Beiträgen und Verweisen auf die Literaturdatenbank DelEtaPhi.
PUMa, Goethe-Universität Frankfurt
Ein Online-Materialpool mit Unterrichtskonzepten für Philosophie und Ethik, entstanden aus Seminararbeit am Institut für Philosophie. Er ist auf die hessischen Bildungsstandards ausgerichtet, aber gut übertragbar. Der Zugang erfordert eine Registrierung.
3.3 Portale in Österreich und der Schweiz zum Ansatz
Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendphilosophie (Graz)
Die Gesellschaft entwickelt Projekte sowie Seminar- und Arbeitsunterlagen und berät pädagogische Einrichtungen. Sie hat außerdem eine umfangreiche Literaturliste.
philosophie.ch: Unterrichtsmaterialien
Eine kommentierte Übersicht über Lehrmittel von der Grundschule bis zur Oberstufe. Dazu gehören zum Beispiel die Themenbände Ethik/Philosophie für die Grundschule, die mit der Fünf-Finger-Methode arbeiten, und das Zürcher Lehrmittel „Schauplatz Ethik“ mit Wimmelbildern als Gesprächsanlass.
Text: Stefan Applis (2026)
Bild: Freepik/magnific (2026)
Literaturverzeichnis
Applis, Stefan (2026): Community of (Philosophical) Enquiry – Kern und methodisches Umfeld. In: doing geo & ethics (Blog), 18.08.2026. https://doinggeoandethics.com/2026/08/18/community-of-philosophical-enquiry-kern-und-methodisches-umfeld/
bpb – Bundeszentrale für politische Bildung (2016): Impulsreferat „Kinderphilosophie – ein Zwischenstand“ (Ekkehard Martens). Fachtagung „Philosophie für Kinder und Jugendliche als Zukunftsaufgabe für die demokratische Gesellschaft“. https://www.bpb.de/lernen/kulturelle-bildung/237878/impulsreferat-kinderphilosophie-ein-zwischenstand/
Brüning, Barbara (2001): Philosophieren in der Grundschule. Grundlagen, Methoden, Anregungen. Berlin: Cornelsen Scriptor.
Brüning, Barbara (2003): Philosophieren in der Sekundarstufe. Methoden und Medien. Weinheim: Beltz.
Brüning, Barbara/Martens, Ekkehard (Hg.) (2007): Anschaulich philosophieren. Mit Märchen, Fabeln, Bildern und Filmen. Weinheim: Beltz.
Camhy, Daniela G. (Hg.) (1990): Wenn Kinder philosophieren. Graz: Leykam.
de Boer, Heike/Michalik, Kerstin (Hg.) (2018): Philosophieren mit Kindern – Forschungszugänge und -perspektiven. Opladen: Barbara Budrich.
Deutsche UNESCO-Kommission (Hg.) (2009): Philosophie – eine Schule der Freiheit. Philosophieren mit Kindern weltweit und in Deutschland. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission.
Freese, Hans-Ludwig (1989): Kinder sind Philosophen. Weinheim/Berlin: Quadriga.
Gorard, Stephen/Siddiqui, Nadia/See, Beng Huat (2015): Philosophy for Children: SAPERE. Evaluation Report and Executive Summary. London: Education Endowment Foundation.
Heckmann, Gustav (1981): Das sokratische Gespräch. Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Hannover: Schroedel.
ISB – Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München (o. J.): Kinder philosophieren. Portal Politische Bildung. https://www.politischebildung.schule.bayern.de/schulkultur-und-schulentwicklung/partizipationsmoeglichkeiten-in-der-schule/kinder-philosophieren/
Lipman, Matthew (1986): Pixie. Philosophieren mit Kindern. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky.
Lipman, Matthew (2003): Thinking in Education. 2. Aufl. Cambridge: Cambridge University Press.
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Martens, Ekkehard (1983): Einführung in die Didaktik der Philosophie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
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Martens, Ekkehard (1999): Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung in die Philosophie. Stuttgart: Reclam.
Martens, Ekkehard (2003): Methodik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Philosophieren als elementare Kulturtechnik. Hannover: Siebert.
Matthews, Gareth B. (1989): Philosophische Gespräche mit Kindern. Berlin: Freese.
Matthews, Gareth B. (1995): Die Philosophie der Kindheit. Wenn Kinder weiter denken als Erwachsene. Weinheim/Berlin: Quadriga.
Michalik, Kerstin (2018): Empirische Forschung zu Wirkungen des Philosophierens mit Kindern auf die Entwicklung von Kindern, Lehrkräften und Unterricht. In: de Boer, Heike/Michalik, Kerstin (Hg.): Philosophieren mit Kindern – Forschungszugänge und -perspektiven. Opladen: Barbara Budrich.
Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern (2004): Rahmenplan Grundschule. Philosophieren mit Kindern. Schwerin.
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ÖGKJP – Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendphilosophie (o. J.): Förderung der Denk- und Persönlichkeitsentwicklung (Projektbeschreibung). https://kinderphilosophie-gesellschaft.uni-graz.at/de/unsere-forschung/projekte/foerderung-der-denk-und-persoenlichkeitsentwicklung/
Pfister, Jonas (2010): Fachdidaktik Philosophie. Bern: Haupt (UTB).
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Schreier, Helmut (Hg.) (1999): Nachdenken mit Kindern. Aus der Praxis der Kinderphilosophie in der Grundschule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
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