Autorin des Beitrages: Theresa Sofie Heilmann (2026)
1. Eine Wölfin vor der Haustür
Seit dem Winter 2025 lebt im Landkreis Erlangen-Höchstadt nachweislich eine Wölfin. Ihr werden inzwischen 21 gerissene Ziegen zugeschrieben, mehrere Weidetierhalter fordern ihren Abschuss, ein Naturschutzverband kündigt Klage an. Aus diesem regionalen Konflikt ist eine Fallanalyse für den Ethikunterricht der Jahrgangsstufen 8-9 entstanden, die in einer einzigen Stunde zu einem begründeten Urteil führt.
Im Zentrum steht die Leitfrage: Darf man ein Tier töten, um andere Tiere zu schützen? Die Frage zielt bewusst auf die moralische Vertretbarkeit des Abschusses, nicht allein auf seine rechtliche Zulässigkeit. Genau dieser Unterschied ist das Lernziel der Stunde: Die Schülerinnen und Schüler entdecken, dass dieselben Gesetze für gegensätzliche Forderungen herangezogen werden können und das Recht die moralische Entscheidung deshalb nicht ersetzt.
Die Stunde bildet den Übergang von der Umwelt- zur Tierethik: Die Schülerinnen und Schüler …
- benennen die Interessen und Forderungen der beteiligten Akteure sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen für den Abschuss einer Wölfin (AFB I),
- vergleichen mögliche Handlungsoptionen hinsichtlich ihrer Folgen für die Betroffenen und der konkurrierenden Schutzinteressen (AFB II),
- bewerten mithilfe der Fallanalyse, ob der Abschuss moralisch gerechtfertigt ist, und begründen, welche Argumente für sie ausschlaggebend sind (AFB III).
2. Die ethische Fallanalyse in Kürze
Die Fallanalyse ist weniger eine Einzelmethode als ein Strukturierungsverfahren für ethische Urteilsbildung. Sie geht auf die von Karl Popper inspirierte Annahme zurück, dass alle Menschen bereits eine eigene Alltagsphilosophie besitzen. Schülerinnen und Schüler können deshalb auch zu einem unbekannten Problem ein vorläufiges Urteil fällen; Aufgabe des Unterrichts ist es, diese Intuition kritisch zu prüfen und auf ein höheres Begründungsniveau zu heben (Franzen 2011).
Franzen beschreibt dazu sechs Schritte, die an Fall, Lerngruppe und Ziele angepasst werden:
- Präsentation des Falls – anschaulich, etwa über Schlagzeilen oder eine Fallbeschreibung, mit einer faktischen und einer ethischen Dimension.
- Spontanurteil – eine erste, intuitive Positionierung zur Leitfrage.
- Sachanalyse – Informationen, Akteure und Interessen klären. Über Tatsachen muss Einigkeit herrschen, normative Aussagen dürfen strittig bleiben.
- Ethische Analyse – Interessen, Werte und Normen herausarbeiten und gewichten, ggf. moraltheoretische Ansätze anwenden.
- Abschließendes Urteil – begründet und möglichst öffentlich, damit es Verbindlichkeit bekommt.
- Reflexion – Vergleich mit dem Spontanurteil: Was hat sich verändert, und warum?
Normalerweise erstreckt sich eine Fallanalyse über mehrere Stunden. In einer Einzelstunde gelingt sie, wenn die faktische Komplexität reduziert wird und die Klasse das Verfahren schon kennt (vgl. Applis 2025). Beides ist hier der Fall: Die Rollentexte sind didaktisch reduziert, und die Klasse hat zuvor bereits zwei Fallanalysen durchgeführt. Die ethische Analyse wird außerdem in der Folgestunde mit den tierethischen Begründungsansätzen fortgesetzt.
3. Zum Thema: Der Wolf in Bayern zwischen Tier- und Umweltethik
Die Rückkehr des Grauwolfs nach Mitteleuropa gilt als eines der bemerkenswertesten ökologischen Ereignisse der jüngeren Zeit (Di Bernardi et al. 2025). Junge Wölfe wandern auf Reviersuche mehrere hundert Kilometer, ein Rudel beansprucht in Mitteleuropa 150 bis 350 km². Im Monitoringjahr 2024/25 wurden in Bayern sechs Rudel, fünf Paare und zwei territoriale Einzeltiere in 14 Territorien erfasst (DBBW 2025).
Der Fall vor Ort. Die Wölfin GW4977f gilt laut Landesamt für Umwelt im Raum Erlangen-Höchstadt, vor allem im Tennenloher Forst, als standorttreu und stammt aus einem sächsischen Rudel (LfU 2026). Seit Dezember 2025 werden ihr 21 gerissene Ziegen zugeschrieben (Freilinger 2026). Antrag auf Abschuss und Klageankündigung im Unterrichtsfall sind konstruiert, orientieren sich aber an realen Konflikten.
Warum Wolfsrisse so heftig ausfallen. Eingezäunte Nutztiere können nicht fliehen. Ihre anhaltenden Fluchtreize lösen den Jagdtrieb immer wieder aus, sodass mehr Tiere getötet werden, als der Wolf fressen kann (Surplus Killing; Kruuk 1972). Bundesweit stiegen die Nutztierrisse von 737 (2015) auf 3.783 (2025).
Was der Wolf ökologisch leistet – und was unsicher ist. Als Schlüsselart kann der Wolf Huftierbestände und damit den Verbiss beeinflussen. Das berühmte Yellowstone-Beispiel wird inzwischen aber deutlich vorsichtiger bewertet (MacNulty et al. 2025). Für die regulierte mitteleuropäische Kulturlandschaft ist die Datenlage dünn.
Die Rechtslage. Im Juni 2025 wurde der Schutzstatus des Wolfs in der FFH-Richtlinie von „streng geschützt“ auf „geschützt“ abgesenkt. Seit April 2026 steht der Wolf im Bundesjagdgesetz. Maßstab bleibt der günstige Erhaltungszustand: Nur wenn er erreicht ist, ist eine reguläre Bejagung von Juli bis Oktober möglich, sonst nur mit behördlicher Genehmigung.
Recht ist nicht gleich Moral. Zwei bayerische Fälle zeigen die Unsicherheiten im Vollzug. Im Oberallgäu erlaubte das Landratsamt 2026 vorsorglich die Bejagung in 68 Jagdrevieren, ohne konkreten Riss; das Verwaltungsgericht Augsburg stoppte dies vorläufig (BR24 2026a). In der Hohen Rhön wurde 2024 eine Wölfin erschossen, die sich nach einer genetischen Untersuchung als das falsche Tier herausstellte (Balbierer 2024). Weil eine Tötung irreversibel ist, wiegen solche Fehler besonders schwer.
Ethische Perspektiven. Der Konflikt lässt sich aus vier Grundhaltungen beleuchten, die die Rollentexte implizit enthalten:
| Ansatz | Wer zählt moralisch? | Blick auf den Abschuss |
| Anthropozentrismus | nur der Mensch | Abwägung menschlicher Interessen: Existenz der Höfe gegen Biodiversität und kulturellen Wert des Wolfs – kein eindeutiges Ergebnis |
| Pathozentrismus | alle leidensfähigen Wesen | Leid der Ziegen steht gegen Leid der Wölfin, auch durch Fehlschüsse – nicht einfach verrechenbar |
| Biozentrismus | jedes Lebewesen | Eigenwert des Wolfs; ein vorsorglicher Abschuss ohne Anlass ist kaum zu rechtfertigen |
| Holismus | Arten und Ökosysteme | Einzelabschuss vertretbar, wenn die Population gesichert ist; zugleich Stütze für artenreiche Weidelandschaften |
Hinzu kommen zwei Querfragen. Die erste betrifft Verantwortung: Der Wolf handelt nicht moralisch, Begriffe wie „Problemwolf“ verschieben die Verantwortung auf das Tier. Die zweite betrifft Gerechtigkeit: Die Gesellschaft begrüßt die Rückkehr des Wolfs mehrheitlich, die Lasten tragen aber einzelne Tierhalterinnen und Tierhalter.
4. Der Stundenverlauf
Die Stunde folgt den Schritten der Fallanalyse und rahmt sie mit zwei Abstimmungen zur Leitfrage.
| Zeit | Phase | Was passiert | Sozialform / Medien |
| 0–7 min | Einstieg und Spontanurteil | Drei Schlagzeilen regionaler Medien, eine davon bewusst reißerisch. Die Klasse gibt sie wieder und vermutet, warum die Wölfin polarisiert. Danach Fallbeispiel, Leitfrage und erste Abstimmung mit rot-grünen Karten. | UG, Präsentation, Farbkarten |
| 7–20 min | Erarbeitung (Sachanalyse) | Jede und jeder bearbeitet eine von vier Rollen: Forderung und Begründung markieren, das passende Gesetz wählen, Ergebnis mit dem Sitznachbarn abgleichen. | EA, dann PA; Arbeitsblatt |
| 20–32 min | Sicherung | Vertreter aller Rollen stellen vor, die Lehrkraft sichert an der Tafel, die Klasse überträgt in die Tabelle. Erkenntnis: Dieselben Gesetze stützen gegensätzliche Forderungen. | UG, Tafel |
| 32–40 min | Vertiefung (ethische Analyse) | Zwei Entscheidungen des Landratsamts benennen, ihre Folgen für Menschen und Tiere beschreiben, den Abschuss bewerten. | UG, Präsentation |
| 40–45 min | Urteil und Reflexion | Zweite Abstimmung mit den Farbkarten, Begründung des neuen oder alten Urteils. | UG, Farbkarten |
| Reserve | Transfer | Was ändert sich, wenn die Przewalski-Pferde im Tennenloher Forst bedroht wären? | UG |
Warum Farbkarten statt digitaler Abstimmung? Die Lernenden legen ihre Karte nach der ersten Abstimmung mit der gewählten Farbe nach oben auf den Tisch. Am Ende ist so sichtbar, wer seine Position ändert, und die Lehrkraft kann gezielt nachfragen. Das ist schneller und niedrigschwelliger als ein anonymes Tool.
Lernerfolg ist nicht gleich Meinungswechsel. Wer beim Spontanurteil bleibt, es nun aber differenzierter begründet und Gegenargumente berücksichtigt, hat ebenso dazugelernt.
5. Das Material: Vier Rollen, zwei Gesetze
Herzstück sind vier Rollenkarten, die die Kontroversität des Falls bewahren. Keine Rolle ist schlicht „für“ oder „gegen“ den Wolf; alle erkennen die Gegenseite an. Gerade dadurch werden die eigentlichen Wertkonflikte sichtbar.
- Sonja Sutter, Weidetierhalterin: führt einen Nebenerwerbshof und pflegt mit ihren Ziegen Wiesen. Trotz Elektrozaun hat sie fünf Tiere verloren, Ausgleichszahlungen sind freiwillig, besserer Schutz ist teuer. Sie hat den Abschuss mitbeantragt.
- Leah Haase, Tierschützerin: zählt das Leid jedes Tieres, ob Ziege oder Wolf. Nur zwei Risse sind der Wölfin genetisch nachgewiesen. Ein Abschuss ist für sie nur letztes Mittel bei sicherem Nachweis.
- Jonas Bauhofer, Naturschützer: sieht die Rückkehr als Erfolg des Artenschutzes und kündigt Klage an. Er würdigt zugleich die Weidetierhaltung als Beitrag zur Artenvielfalt und fordert mehr Geld für Herdenschutz.
- Stefan Wiedemann, Revierförster und Jäger: schätzt den Wolf als Regulator des Wildbestands. Er fürchtet aber heimliche Schüsse, wenn Höfe sich allein gelassen fühlen, und hält einen offiziellen Abschuss bei sicherem Nachweis für das kleinere Übel.
Auf jedem Blatt stehen dieselben zwei Gesetzesauszüge: § 1 Tierschutzgesetz mit dem unbestimmten Rechtsbegriff des „vernünftigen Grundes“ und § 22b Bundesjagdgesetz zum günstigen Erhaltungszustand. Die Lernenden wählen das Gesetz, das ihre Rolle am besten stützt, und erklären, welche Formulierung die Forderung stärkt.
Sprachsensibel, nicht vereinfacht. Fachbegriffe wie „Verbuschung“, „Entnahme“ oder „günstiger Erhaltungszustand“ werden in der Fußzeile erklärt. So bleibt der fachliche Anspruch erhalten.
Erwartungshorizont der Sicherungstabelle
| Rolle | Forderung | Gesetzesbezug |
| Weidetierhalterin | Abschuss genehmigen, weil der Schutz trotz Zaun nicht reicht | TierSchG: Schutz der Herden als vernünftiger Grund |
| Tierschützerin | Abschuss nur als letztes Mittel und bei gesichertem Nachweis | TierSchG: ohne Nachweis kein vernünftiger Grund zur Tötung |
| Naturschützer | Kein Abschuss, stattdessen besserer Herdenschutz (höchstens im Einzelfall mit sicherem Nachweis) | BJagdG: Erhaltungszustand der Art muss gewahrt bleiben |
| Förster | Abschuss, wenn sicher ist, dass es die Wölfin war und der Schutz nicht reicht | BJagdG: kontrollierte Bejagung statt heimlicher Schüsse (auch TierSchG: offizieller Abschuss kann Leid verringern) |
Die Pointe der Tabelle: Weidetierhalterin und Tierschützerin berufen sich auf dasselbe Gesetz und kommen zu gegensätzlichen Forderungen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den Fall ethisch und nicht nur rechtlich zu beurteilen.
6. Hinweise zum Einsatz
- Regionalbezug anpassen: Der Fall wirkt, weil er vor der Haustür spielt. Wer anderswo unterrichtet, findet beim jeweiligen Landesamt oder bei der DBBW aktuelle Wolfsnachweise und kann Schlagzeilen und Fallbeschreibung austauschen. Die Rollentexte funktionieren weitgehend unverändert.
- Rollen verteilen: Die vier Rollen gleichmäßig auf die Klasse verteilen, sodass im Partnerabgleich möglichst unterschiedliche Rollen aufeinandertreffen.
- Emotionalisierung aufgreifen: Eine der Schlagzeilen ist bewusst reißerisch. In einer Klasse, die mediale Emotionalisierung schon thematisiert hat, lässt sich daran kurz anknüpfen. Auch der Begriff „Problemwolf“ eignet sich zur Sprachkritik.
- Fakten von Normen trennen: Strittige Tatsachenfragen, etwa wie viele Risse der Wölfin sicher zuzuordnen sind, werden nicht diskutiert, sondern geklärt. Diskutiert wird, was daraus folgt.
- Leise Stimmen sichern: In Diskussionsphasen hilft ein gezieltes Aufrufen zurückhaltender Lernender, damit nicht nur die engagiertesten Positionen hörbar werden.
Ausweitung: die Przewalski-Pferde. Im Tennenloher Forst lebt eine Herde Przewalski-Pferde, die als letzte echte Wildpferdeart gelten. Die Lernenden prüfen, ob sich ihr Urteil ändert, wenn die Wölfin diese Herde bedrohen würde. Der Transfer macht den Unterschied zwischen dem Schutz eines Einzeltiers und dem Erhalt einer Art greifbar. Er zeigt außerdem, dass wir Tierarten je nach Popularität unterschiedlich gewichten, und bereitet so den Begriff des Speziesismus vor.
Einsatz im Geographieunterricht. Der Fall passt zu Themen wie Raumnutzungskonflikte, Kulturlandschaft, Landwirtschaft oder Biodiversität. Lohnend ist eine räumliche Erweiterung: Wie breitet sich der Wolf in Deutschland aus, wo überschneiden sich Wolfsterritorien mit Weidelandschaften, und warum konzentrieren sich die Risse bisher auf Ost- und Norddeutschland? Daten des Wolfsmonitorings lassen sich dazu kartographisch auswerten.
Fächerverbindend bieten sich Biologie (Verhalten, Ökosystem, Schlüsselarten) und Sozialkunde (Gesetzgebung, Verwaltungsgerichte, EU-Recht) an.
8. Downloads
Autorin & Unterrichtsmaterial: Theresa Sofie Heilmann (2026)
Bild: Magnifik (2026)
Quellen
- Applis, S. (2025): Die Fallanalyse. In: Didaktik des Ethik- und Philosophieunterrichts. Eine Orientierungshilfe für Studium und Referendariat. C.C. Buchner, S. 189–192.
- Balbierer, T. (2024): Unterfranken: Den falschen Wolf getötet. Süddeutsche Zeitung, 06.09.2024.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (2019): Bayerischer Aktionsplan Wolf.
- Bayerisches Landesamt für Umwelt (2026): Monitoring von Wölfen.
- BR24 (2026a): Gericht stoppt Abschussgenehmigung für Wolf im Oberallgäu, 28.09.2026.
- BR24 (2026b): Wolf auf A3 bei Altdorf überfahren, 20.10.2026.
- Bundeszentrum für Landwirtschaft (2026): Wie viele Weidetiere werden von Wölfen gerissen?
- Die Bundesregierung (2026): Wolf ins Bundesjagdgesetz aufgenommen, 07.04.2026.
- Di Bernardi, C. et al. (2025): Continuing recovery of wolves in Europe. PLOS Sustainability and Transformation 4(2).
- Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (2025): Wolfsvorkommen in Deutschland.
- Franzen, H. (2011): Fallanalysen im Ethikunterricht. In: Maring, M. (Hrsg.): Fallstudien zur Ethik in Wissenschaft, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft.
- Freilinger, C. (2026): Wolf „Tenni“ im Raum Erlangen jagt ungewöhnlich. Nürnberger Nachrichten, 13.10.2026.
- Kruuk, H. (1972): Surplus killing by carnivores. Journal of Zoology 166(2), 233–244.
- MacNulty, D. R. et al. (2025): Flawed analysis invalidates claim of a strong Yellowstone trophic cascade after wolf reintroduction. Global Ecology and Conservation 63.
- LehrplanPLUS Gymnasium Bayern, Fachlehrplan Ethik 8.