Rund 70 Prozent unseres Trinkwassers stammen aus Grundwasser. Nach den Dürrejahren 2018 bis 2020 lag es an vielen Messstellen so tief wie nie zuvor gemessen, und bundesweit wurden bereits Hunderte Konflikte um Wasser gezählt. Wer bekommt das Wasser, wenn es nicht mehr für alle reicht? Diese Frage lässt sich weder mit Systemwissen allein noch mit Moral allein beantworten. Genau deshalb eignet sie sich so gut für den Ethikunterricht. Hier gibt es dazu einen fertigen Test für Klasse 10, mit Schülerheft, Lehrkräfteheft und Bewertungsraster.
Vom Hochwasser zur Dürre
Im Beitrag zur Flut im Ahrtal ging es darum, wie Starkregen, Boden, Relief und Bebauung zusammenwirken. Das Grundwasser ist die Kehrseite desselben Wasserkreislaufs: Was als Starkregen schnell abfließt, füllt das Grundwasser kaum auf. Wer den Ahrtal-Test kennt, findet hier vertraute Denkfiguren wieder, etwa die Bilanz (die Badewanne mit Zufluss und Abfluss) oder den sich selbst verstärkenden Kreislauf.
Neu ist die ethische Frage. Im Beitrag „Denken in Zusammenhängen“ stand der Satz: Aus systemischem Wissen z folgt kein Sollen. Am Grundwasser lässt sich das zeigen. Das System verrät, was geschieht, wenn das Trinkwasser, die Landwirtschaft, eine Firma oder ein Moor Vorrang bekommt. Wer Vorrang haben soll, ist eine Frage der Gerechtigkeit. Diese muss vor dem Hintergrund der folgenden Fakten reflektiert werden:
- Die Bilanz ist konkret. Grundwasser ist ein Vorrat mit Neubildung und Entnahme. Werden in einem Dürrejahr 2,3 Millionen Kubikmeter entnommen, aber nur 1,8 neu gebildet, fehlt jedes Jahr eine halbe Million Kubikmeter. Das lässt sich auch ohne abstraktes Denken nachvollziehen.
- Es gibt einen Teufelskreis. Je trockener der Boden, desto mehr wird beregnet; je mehr beregnet wird, desto tiefer sinkt das Grundwasser; und desto trockener wird der Boden.
- Es gibt Kipppunkte und Irreversibilität. Trocknet ein Moor aus, zersetzt sich der Torf. Torf wächst nur etwa einen Millimeter im Jahr. Was in fünf trockenen Jahren verloren geht, braucht ein Jahrhundert, um nachzuwachsen.
- Es gibt Unsicherheit. Wie stark der Klimawandel eine bestimmte Region trifft, weiß niemand genau. Gerade das macht das Vorsorgeprinzip zum Thema.
Es gibt keine einzige richtige Lösung. Gleichheit, Bedarf, Beitrag und Generationengerechtigkeit führen zu unterschiedlichen Antworten. Bewertet wird deshalb nicht die gewählte Option, sondern die Qualität der Begründung.

Abb. 1 aus dem Schülerheft: die Wasserbilanz der fiktiven Gemeinde Brunnfeld
Das Material im Überblick
Schauplatz ist Brunnfeld, eine fiktive Gemeinde mit 12.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Ein Wasserwerk, die Landwirtschaft und eine Getränkefirma pumpen Grundwasser ab; am Ortsrand liegt ein Moor. Die Zahlen sind ausgedacht, aber realistisch gewählt. Die allgemeinen Angaben zu Grundwasser, Mooren und Wasserpolitik sind belegt.
Schülerheft (Klasse 10, 45 Minuten, 36 Punkte)
- Informationsblatt mit acht kurzen Absätzen in Du-Form, zwei Abbildungen und vier Vorschlägen des Gemeinderats
- Teil A „Das System verstehen“: Bilanz, Kreislauf, Irreversibilität, Tatsache und Bewertung unterscheiden
- Teil B „Werte und Perspektiven“: Gerechtigkeitsgrundsätze erkennen; überlegen, wer nicht mitreden kann
- Teil C „Entscheiden“: die Vorschläge im System verorten und eine eigene Entscheidung begründen

Abb. 2 aus dem Schülerheft: Wer am Grundwasser von Brunnfeld hängt
Lehrkräfteheft
- Übersicht aller Aufgaben mit Niveau, Anforderungsbereich, Punkten und Zeitbedarf
- Sachhintergrund: Was ist belegt, was ist erfunden, wo wird vereinfacht?
- Ethische Bezüge: Verteilungsgerechtigkeit, Hans Jonas, Vorsorgeprinzip, anthropozentrische und physiozentrische Sicht, Sach- und Werturteil
- Lösungen mit den typischen Denkfallen hinter den falschen Antworten
- Bewertungsraster für die Entscheidungsaufgabe in zwei Dimensionen, mit Musterbegründungen je Stufe
- Bewertungsvorschlag, Profil in drei Bereichen, Klassenübersicht und Hinweise zum Einsatz
Die Entscheidungsaufgabe: zwei Dimensionen statt einer richtigen Antwort
Im Zentrum steht Aufgabe 8. Die Lernenden sind Mitglied im Gemeinderat und wählen einen der vier Vorschläge oder verbinden zwei: alle sparen gleich, Trinkwasser zuerst, ein höherer Wasserpreis oder ein Umbau mit Tröpfchenbewässerung. Ein Gerüst aus Satzanfängen führt durch die Begründung: Position, zwei Belege, was die Entscheidung kostet, Folgen an anderer Stelle oder später, der leitende Grundsatz und was einen umstimmen könnte.
Bewertet wird in zwei getrennten Dimensionen, jeweils in Stufen von 0 bis 4:
| Dimension | Frage | Herkunft |
| ET – Belege und Abwägung | Wird die Entscheidung mit passenden Belegen gestützt, und wird offen gesagt, wer dabei verliert? | SEPUP-Raster „Evidence and Trade-offs“ |
| SYS – systemische Begründung | Werden Wirkungen verknüpft und Bilanz, Verzögerung, Irreversibilität oder Unsicherheit berücksichtigt? | angelehnt an das GeoSysKo-Kompetenzmodell |
So erreicht auch eine Begründung für den unsicheren Vorschlag „Wasser kostet“ die volle Punktzahl, wenn sie die Unsicherheit benennt und abwägt. Und eine moralisch sympathische Entscheidung ohne Belege bleibt in den unteren Stufen. Der Abstand zwischen den beiden Dimensionen ist für die Förderung aufschlussreich. Manche Lernende argumentieren gut, denken aber wenig in Wirkungen; andere verstehen das System, übersetzen es aber noch nicht in eine Abwägung.
Für wen das Material gedacht ist
Wie beim Ahrtal-Test wird angenommen, dass in Klasse 10 etwa die Hälfte der Lerngruppe noch überwiegend konkret denkt. Das Material baut deshalb durchgängig konkrete Stützen ein: eine überschaubare Gemeinde mit Personen, die Namen haben, Zahlen direkt im Aufgabentext, die Badewanne als Vergleich, eine Vorzeichenregel mit Beispielen, Gerechtigkeitsgrundsätze mit Kurzdefinition und Satzanfänge, die genau den Bewertungskriterien entsprechen. Die Sprache ist bewusst schlicht gehalten, damit der Test Urteilsfähigkeit misst und nicht Lesekompetenz.
Das Material ist an keinen Landeslehrplan gebunden. Es passt in Einheiten zu Umweltethik, Gerechtigkeit, Verantwortung oder Nachhaltigkeit und lässt sich fächerverbindend mit Geographie einsetzen.
Hinweise zum Einsatz
- Vorher klären: den Unterschied zwischen Sachurteil und Werturteil sowie mindestens zwei Verteilungsgrundsätze. Die übrigen Inhalte erschließt das Informationsblatt.
- Nicht überwältigen: Die Getränkefirma und die Landwirtschaft sind keine Bösewichte; ihre Interessen sind legitim. Weil nur die Begründung zählt, muss niemand die „erwünschte“ Antwort erraten.
- Nachbesprechen: Ein Vergleich der gewählten Optionen in der Klasse zeigt, wie unterschiedliche Grundsätze zu unterschiedlichen, gleichermaßen gut begründeten Entscheidungen führen.
- Weiterdenken: Aufgabe 6 fragt, wer im Gemeinderat keine Stimme hat: das Moor, künftige Generationen, Jugendliche ohne Wahlrecht. Daran lässt sich die Frage anschließen, ob die Natur einen eigenen moralischen Anspruch hat.
Downloads
- Schülerheft – Wem gehört das Grundwasser?
- Lehrkräfteheft – Lösungen, Bewertung und Hinweise
Text & Material: Stefan Applis (2026)
Bild: Magnific (2026)
Lizenz: CC BY 4.0 – doing geo & ethics
Grundlagen und Quellen
Fachliche Grundlage:
- Umweltbundesamt (2025): Neue UBA-Daten zur Grundwasserneubildung in Deutschland. https://www.umweltbundesamt.de/themen/neue-uba-daten-zur-grundwasserneubildung-in
- Umweltbundesamt: Indikator „Grundwasserstand und Quellschüttung“. https://umweltbundesamt.de/print/41404
- Umweltbundesamt: WADKlim – Wasserverfügbarkeit in Deutschland im Klimawandel, Factsheet 1. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/11850/publikationen/factsheet_wadklim_1.pdf
- Bundeszentrale für politische Bildung (2024): Welttag der Feuchtgebiete. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/544859/02-februar-2024-welttag-der-feuchtgebiete/
Didaktische und ethische Grundlage:
- Jonas, H. (1979): Das Prinzip Verantwortung. Frankfurt a. M.: Insel.
- Mehren, R., Rempfler, A., Buchholz, J., Hartig, J. & Ulrich-Riedhammer, E. M. (2018). System competence modelling. Journal of Research in Science Teaching, 55(5), 685–711. https://doi.org/10.1002/tea.21436
- SEPUP (Science Education for Public Understanding Program), Lawrence Hall of Science, University of California, Berkeley: Bewertungsraster „Evidence and Trade-offs“.