Im Juli 2021 wurde das Ahrtal von einer Flut getroffen, die über 130 Menschen das Leben kostete. Warum das Wasser so schnell und so hoch stieg, lässt sich nicht mit einer einzigen Ursache erklären: Starkregen, gesättigte Böden, enge Täler, Brücken voller Treibgut und ein über hundert Jahre verblasstes Risikogedächtnis griffen ineinander. Genau das macht die Ahrtal-Flut zu einem starken Beispiel für systemisches Denken. Hier gibt es dazu einen fertigen Test für Klasse 10 – mit Schülerheft, Lehrkräfteheft und Bewertungsraster.

Warum gerade das Ahrtal?

Hochwasser gehört zu den Klassikern des Geographieunterrichts. Oft bleibt es aber bei einer linearen Kette: viel Regen, viel Wasser, Überschwemmung. Das Ahrtal zeigt, wie viel mehr dahintersteckt.

  • Natur und Gesellschaft greifen ineinander. Das enge, dicht bebaute Tal ließ das Wasser höher steigen, als es bei gleicher Wassermenge in einer freien Aue gestiegen wäre.
  • Es gibt Rückkopplungen. Je höher das Wasser stieg, desto mehr Treibgut riss es mit. Das Treibgut verstopfte die Brücken, und das Wasser staute sich noch höher.
  • Es gibt Verzögerungen. Große Fluten gab es schon 1804 und 1910. Vor rund hundert Jahren wurden 32 Speicherbecken geplant, gebaut wurde keines. Mit der Zeit geriet die Gefahr in Vergessenheit.
  • Es gibt Unsicherheit. Der Klimawandel hat solchen Starkregen wahrscheinlicher gemacht. Für das Ahrtal allein lässt sich sein Anteil aber nicht genau beziffern.

Damit lassen sich am Ahrtal fast alle Facetten systemischen Denkens prüfen: Elemente und Grenzen eines Systems, Wirkungsketten, Kreisläufe, Bilanzen, Prognosen, der Umgang mit Unsicherheit und das Abwägen von Maßnahmen.

Was systemisches Denken meint – in aller Kürze

Systemisches Denken bedeutet, Dinge nicht einzeln, sondern in ihren Zusammenhängen zu betrachten: Welche Elemente gehören zu einem System, wie wirken sie aufeinander, und wo schließen sich Wirkungsketten zu sich verstärkenden oder bremsenden Kreisläufen? Wer so denkt, kann vorhersagen, wie ein System auf Veränderungen reagiert, und Maßnahmen wählen, die ihr Ziel erreichen, ohne an anderer Stelle Schaden anzurichten.

Das Material im Überblick

Der Test folgt dem Format des GeoSysKo-Ansatzes: Ein Informationsblatt dient als gemeinsame Grundlage, die Aufgaben steigen vom Einfachen zum Komplexen, und jede falsche Antwortoption steht für eine typische Denkfalle. Vorwissen zum Ahrtal ist nicht nötig, alle Lösungen lassen sich aus dem Material ableiten.

Schülerheft (Klasse 10, 45 Minuten, 40 Punkte)

  • Informationsblatt mit acht kurzen Absätzen in Du-Form
  • Abb. 1: ein Wirkungsschema „Vom Regen zum Hochwasser“
  • zehn Aufgaben, vom beschrifteten Pfeil bis zum eigenen Begriffsnetz

Abb. 1 aus dem Schülerheft: Wirkungsschema „Vom Regen zum Hochwasser“

Lehrkräfteheft

  • Übersicht aller Aufgaben mit Typ, Niveau, Anforderungsbereich, Punkten und Zeitbedarf
  • Lösungen; zu jeder falschen Antwort die dahinterliegende Denkfalle
  • Bewertungsraster mit Ankerantworten für die offenen Aufgaben
  • Bewertungsvorschlag, Diagnoseprofil in fünf Denkbereichen und Klassenübersicht
  • Hinweise zu Entwicklungsstand, Sprache und sensiblem Umgang mit dem Thema
  • fachlicher Hintergrund mit Quellen

Was die Aufgaben prüfen

AufgabeWas die Lernenden tunDenkweise
1einen Zusammenhang als beschrifteten Pfeil formulierenBeziehungen benennen
2eine Je-desto-Regel erkennenRegeln erkennen
3entscheiden, was zum System gehörtSystemgrenzen ziehen
4eine Wirkungskette aus Kärtchen ordnenlinear-kausal denken
5Vorzeichen in einen Kreislauf setzen und eine Verzögerung erklärenzirkulär denken
6berechnen, wann ein Speicherbecken überläuftBestand und Fluss unterscheiden
7eine Was-wäre-wenn-Frage beantwortenPrognosen ableiten
8beurteilen, ob der Klimawandel die Flut „verursacht“ hatmit Unsicherheit umgehen
9eine Schutzmaßnahme wählen und begründensystemgerecht handeln
10ein Begriffsnetz zu den Brücken zeichnenNetze und Rückkopplungen darstellen

Für wen das Material gedacht ist

Der Test richtet sich an Klasse 10, also an die Schwelle zur Oberstufe. In diesem Alter denkt ein Teil der Lernenden noch überwiegend konkret: Zusammenhänge gelingen, wenn sie an Anschauung gebunden sind, Vorzeichen, Rückkopplungen und hypothetische Annahmen fallen schwerer. Das Material baut deshalb durchgängig konkrete Brücken, ohne die Anforderung zu senken: Vergleiche wie „Schwamm“, „Trichter“ und „Badewanne“, Beispielpfeile und Verblisten, Kärtchen zum Ordnen, Satzanfänge und eine Vorzeichenregel mit Alltagsbeispielen.

Auch die Sprache ist bewusst schlicht gehalten. Kurze Sätze und im Text erklärte Fachbegriffe sorgen dafür, dass der Test Systemdenken misst und nicht Lesekompetenz. Das ist besonders in mehrsprachigen Lerngruppen wichtig.

Das Material ist an keinen bestimmten Landeslehrplan gebunden. Es passt zum Basiskonzept „System“ der DGfG-Bildungsstandards und zu Unterrichtseinheiten über Naturrisiken, Hochwasser oder Mensch-Umwelt-Beziehungen.

Hinweise zum Einsatz

  • Diagnose oder Leistungsfeststellung? Der Test funktioniert in beiden Rollen. Als Diagnose sollte er unbenotet bleiben, denn unter Notendruck wird geraten, und die Fehlerprofile verlieren ihren Wert. Das Lehrkräfteheft enthält dafür ein Diagnoseprofil mit Förderhinweisen.
  • Nach Denkfallen fördern, nicht nach Punkten. Zwei Lernende mit gleicher Punktzahl können sehr verschieden denken. Wer Rückwirkungen übersieht, braucht andere Übungen als jemand, der Zufluss und Bestand verwechselt.
  • Sensibel bleiben. In der Lerngruppe können Menschen mit eigenen Fluterfahrungen oder Angehörige von Betroffenen sein. Der Test verzichtet bewusst auf Einzelschicksale und Schuldfragen. Es lohnt sich, das Thema vorab anzukündigen und danach Raum für Gespräche zu lassen.
  • Weiterdenken in Ethik und Politik. Fragen nach Verantwortung, etwa in der Warnkette der Flutnacht oder beim Wiederaufbau am alten Ort, eignen sich gut für eine anschließende Diskussion. Systemisches Denken liefert dafür die Sachgrundlage, ersetzt aber nicht die ethische oder politische Urteilsbildung.

Downloads

  • Schülerheft – Die Flut im Ahrtal 2021
  • Lehrkräfteheft – Lösungen, Bewertung und Hinweise

Lizenz: CC BY 4.0 – doing geo & ethics

Text & Materialerstellung: Stefan Applis (2026)

Bildquelle: Magnific (2026)

Grundlagen und Quellen

Fachliche Grundlage:
Didaktische Grundlage:
  • Mehren, R., Rempfler, A., Buchholz, J., Hartig, J. & Ulrich-Riedhammer, E. M. (2018). System competence modelling: Theoretical foundation and empirical validation of a model involving natural, social and human-environment systems. Journal of Research in Science Teaching, 55(5), 685–711. https://doi.org/10.1002/tea.21436
  • Fögele, J., Mehren, R. & Rempfler, A. (2020). Tipping Points – Schlüssel zum tiefgründigen Verständnis komplexer dynamischer Systeme bei Lernenden? Zeitschrift für Geographiedidaktik, 48(3), 83–100. https://edoc.hu-berlin.de/18452/22791