Dürfen wir Tiere essen, wenn sie Schmerzen empfinden? Und wie viel Rücksicht auf Klima und Tiere darf eine Schule ihren Schülerinnen und Schülern beim Mittagessen abverlangen? Diese beiden Fragen stehen im Zentrum von zwei Aufgabenheften zur Umwelt- und Tierethik für die Sekundarstufe I. Entwickelt wurden sie für die Jahrgangsstufe 8 in Bayern; einsetzbar sind sie im Ethik- und Philosophieunterricht aller Länder und, mit Abstrichen, im Geographieunterricht.

Die Hefte sind die ersten Materialien einer Serie, die nach dem Bauplan des US-amerikanischen SEPUP-Programms entwickelt ist. Wie dieser Ansatz funktioniert und wie er für Geographie und Ethik angepasst wurde, beschreibt der Beitrag #Basics | Evidenz und Trade-offs [Link einfügen]. Kurz gesagt: Die Schülerinnen und Schüler treffen eine Entscheidung zu einer echten Streitfrage, stützen sie mit empirischen Befunden und einem moralischen Prinzip und benennen, was ihre Entscheidung kostet.

Die beiden Hefte lassen sich einzeln einsetzen. Am meisten bringen sie in der Reihenfolge A vor B: Was die Klasse in Heft A über die Schmerzempfindlichkeit von Schweinen und Hühnern herausfindet, wird in Heft B zu einem Argument in der Mensa-Entscheidung.

Die Hefte folgen dem Bauplan des Science Education for Public Understanding Program (SEPUP) der University of California, Berkeley. SEPUP stellt eine gesellschaftliche Streitfrage an den Anfang und lässt die Lernenden sie mit Evidenz entscheiden. Bewertet wird nach einer festen Denkfigur: Optionen vergleichen, eine Position beziehen, sie mit Belegen stützen und die Trade-offs benennen, also das, was man mit der eigenen Entscheidung in Kauf nimmt.

Für den Ethikunterricht ist diese Denkfigur um eine normative Seite erweitert. Ein Befund allein begründet noch keine Handlung; erst ein Prinzip macht ihn moralisch bedeutsam. Die Hefte verlangen deshalb ausdrücklich beides, und sie bewerten die Qualität der Begründung, nicht die Position. Das entspricht dem Überwältigungsverbot und dem Kontroversitätsgebot des Beutelsbacher Konsenses.

#Basics | Evidenz und Trade-offs: Was Geographie- und Ethikunterricht vom #SEPUP-Ansatz lernen können

Soll die Mensa einen fleischfreien Tag einführen? Welcher Standort ist für ein KI-Rechenzentrum vertretbar? Für welche Tiere soll ein besonderer Schutz vor Schmerzen gelten? Solche Fragen sind im Geographie- und Ethikunterricht alltäglich. Schwierig wird es, wenn Schülerinnen und Schüler ihre Antworten nicht nur meinen, sondern begründen sollen, und wenn die Lehrkraft diese Begründungen fair und…

Die Frage nach dem moralischen Status von Tieren ist einer der klassischen Gegenstände der angewandten Ethik. Grob lassen sich drei Positionen unterscheiden. Für Ansätze in der Tradition Kants haben wir gegenüber Tieren allenfalls indirekte Pflichten, weil moralischer Status an Vernunft gebunden ist. Für Jeremy Bentham und später Peter Singer ist dagegen die Leidensfähigkeit entscheidend: Wer leiden kann, dessen Interessen zählen, unabhängig von der Art. Tom Regan schließlich spricht Tieren als „Subjekten eines Lebens” eigene Rechte zu, die nicht gegen Nutzen verrechnet werden dürfen.

Neu ist, wie stark empirische Forschung diese Debatte inzwischen prägt. Verhaltensstudien zu Fischen, Kraken oder Insekten haben die Frage, wer überhaupt Schmerz empfinden kann, wieder geöffnet. Großbritannien hat 2022 daraus gesetzliche Konsequenzen gezogen und Kopffüßer und Zehnfußkrebse als empfindungsfähige Tiere anerkannt. Gleichzeitig bleiben die Befunde an den Rändern unsicher. Genau diese Lage, belastbare Evidenz in der Mitte und Unsicherheit an den Rändern, macht das Thema für den Unterricht so ergiebig: Die Lernenden müssen klären, was Daten zeigen können und was nicht, und wie man unter Unsicherheit verantwortlich urteilt.

Heft B verbindet die Tierethik mit der Umweltethik. Ernährung gehört zu den Lebensbereichen mit großem Einfluss auf Klima, Flächen- und Wasserverbrauch, und die Unterschiede zwischen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln sind erheblich. Die Schulmensa ist dafür ein besonders geeigneter Lernort: Sie betrifft alle, sie ist gemeinschaftlich organisiert, und Schülerinnen und Schüler können über Schülervertretung und Schulgremien tatsächlich mitentscheiden.

Das Fach trägt in den Ländern unterschiedliche Namen, etwa Ethik, Philosophie, Praktische Philosophie, Werte und Normen oder LER. Tier- und Umweltethik sind in vielen Lehrplänen der Sekundarstufe I verankert, meist in den Jahrgangsstufen 7 bis 10. Dort passen beide Hefte ohne größere Anpassung.

  • Heft A eignet sich als Einstieg in die angewandte Ethik: Es führt in die Frage nach Kriterien moralischen Status ein, macht den Unterschied zwischen deskriptiven und normativen Aussagen greifbar und bereitet Singers Argument vor.
  • Heft B eignet sich als Abschluss einer Einheit, in der Umwelt- und Tierethik zusammengeführt werden.
  • In der Oberstufe lassen sich die Hefte als Ausgangspunkt nutzen und erweitern, etwa mit einem Vergleich der Positionen von Kant, Singer und Regan oder mit der Frage, ob sich ein Recht gegen Klimanutzen „verrechnen” lässt.

Heft B lässt sich gut im Geographieunterricht einsetzen, etwa bei Themen wie Landwirtschaft und Ernährung, Klimawandel oder nachhaltiger Konsum. Es fördert, was die Bildungsstandards Geographie im Kompetenzbereich Beurteilung/Bewertung verlangen: Sachverhalte nach fachlichen Kriterien beurteilen und vor dem Hintergrund von Werten wie Nachhaltigkeit bewerten. Auch der Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung mit seinem Dreischritt Erkennen – Bewerten – Handeln bietet einen Bezugsrahmen.

Für die Geographie lohnt sich eine räumliche Erweiterung: Woher stammt das Futter für die Tiere, deren Fleisch die Mensa kauft? Daten zu Flächenbedarf und Futtermittelimporten, etwa von Soja aus Südamerika, machen die globale Dimension der Mensa-Entscheidung sichtbar. Heft A ist für die Geographie weniger zentral, kann aber bei Themen wie Nutztierhaltung oder Biodiversität ergänzend eingesetzt werden.

Fächerverbindend bieten sich Biologie (Nervensystem, Verhalten, Tierhaltung), Politik oder Sozialkunde (Mitbestimmung in der Schule) und Mathematik (Prozentrechnung, Hochrechnung) an.

Differenzierung. Für schwächere Lernende lassen sich Tabelle und Rechnung teilweise vorgeben; die Satzbausteine bleiben stehen. Stärkere Lernende bearbeiten die Profi-Fragen der Prüflisten: Wie aussagekräftig sind die Belege? Gibt es einen begründeten Kompromiss? Lässt sich ein Kriterium überhaupt gegen andere verrechnen?

Ausgangspunkt ist eine reale Gesetzesänderung: Großbritannien hat 2022 Kraken, Tintenfische, Krebse und Hummer in sein Tierschutzgesetz aufgenommen, gestützt auf ein Gutachten zu Forschungsbefunden. Die Klasse soll für einen fiktiven Ausschuss einschätzen, ob ein ähnlicher Schutz auch in Deutschland sinnvoll wäre.

Herzstück sind acht Evidenzkarten mit Befunden aus der Forschung: Schimpansen, die sich im Spiegel erkennen; Schweine, die einen Spiegel zur Futtersuche nutzen; lahme Hühner, die gezielt Futter mit Schmerzmittel wählen; Forellen, die nach einem Schmerzreiz ihr Verhalten ändern; Kraken, die Orte meiden, an denen sie Schmerz erlebt haben; Hummeln, die Hitze gegen Zucker abwägen. Jede Karte nennt Versuch, Ergebnis und Quelle. Eine achte Karte zu einem einjährigen Kleinkind macht deutlich, dass Selbsterkennung im Spiegel kein gutes Kriterium für Schmerzempfinden ist.

Die Teilaufgaben steigern sich vom Ordnen zum Urteilen:

  1. Befunde in eine Tabelle einordnen (Schmerzempfinden, Selbsterkennung, Lernen)
  2. Auffälligkeiten beschreiben
  3. Singers Begriff „Speziesismus” erklären und auf die Tabelle anwenden
  4. Das Argument „Fische empfinden Schmerz. Also darf man nicht angeln.” prüfen und die fehlende normative Prämisse ergänzen
  5. Eine begründete Grenze ziehen: Für welche Tiere soll ein besonderer Schutz gelten?

Das Besondere: Die Befunde sind bewusst unterschiedlich eindeutig. Bei Schwein und Huhn ist die Lage klar, bei Fisch und Hummel umstritten. Gerade dort lernen die Schülerinnen und Schüler, mit Unsicherheit zu urteilen, etwa mit einem Vorsorgeprinzip. Teilaufgabe 4 macht den Sein-Sollen-Fehlschluss schon in der Mittelstufe greifbar.

Ausgangspunkt ist ein Antrag der SMV an das Schulforum: Die Mensa soll jeden Donnerstag nur fleischfreie Gerichte anbieten. Die Klasse soll eine Stellungnahme schreiben.

Die Materialien verbinden echte und fiktive Daten, jeweils gekennzeichnet:

  • M1 Klimabilanz: Werte für Lebensmittel und Gerichte aus der Studie des ifeu-Instituts für das Umweltbundesamt (2020), etwa Lasagne mit Rindergehacktem (1,6 kg CO₂-Äquivalente pro Portion) gegenüber Lasagne mit Sojagranulat (0,7 kg).
  • M2 Mensa-Daten und Umfrage: Essenszahlen, Preise und eine SMV-Umfrage mit Gegengründen (fiktiv).
  • M3 Tierwohl: Haltungsform-Kennzeichnung und der Einkauf der Mensa; Verweis auf die Befunde aus Heft A.
  • M4 Stimmen: Mensa-Pächterin, Landwirt aus der Region, eine Vegetarierin, ein Fußballer und die Schulärztin (fiktiv).

Die Teilaufgaben:

  1. Klimabilanz der Gerichte im Säulendiagramm darstellen und die Einsparung an einem Donnerstag berechnen
  2. Die Umfrage beschreiben und erkennen, dass „Ich will selbst entscheiden” ein Wert ist, „Ohne Fleisch werde ich nicht satt” dagegen eine prüfbare Tatsachenbehauptung
  3. Die Rolle des Tierwohls erläutern, mit Bezug auf Heft A
  4. Den Stimmen aus M4 Positionen und die dahinterliegenden Werte zuordnen
  5. Eine Stellungnahme an das Schulforum verfassen

Das Besondere: Die Aufgabe hat keine richtige Lösung. Eine Empfehlung für den fleischfreien Tag ist ebenso gut bewertbar wie eine dagegen, etwa mit dem Vorschlag, stattdessen Fleisch aus besserer Haltung zu kaufen. Entscheidend ist, dass die Stellungnahme benennt, welcher Wert bei der eigenen Entscheidung zu kurz kommt. Wenn möglich, kann die Klasse die fiktiven Mensa-Daten durch echte ersetzen und ihre Stellungnahme tatsächlich einreichen.

Unterstützung durch das Layout. Die Hefte sind für 13- bis 14-Jährige gestaltet und bieten Gerüste, ohne die Antworten vorwegzunehmen:

  • eine Übersicht, was die Arbeitsaufträge bedeuten (Ordne ein, Beschreibe, Erkläre, Prüfe, Beurteile …)
  • Evidenzkarten mit einheitlichem Aufbau und Farben nach Tiergruppe
  • farbige Kennzeichnung tierischer und pflanzlicher Lebensmittel in den Klimatabellen
  • Kennzahlen als Kacheln und die Umfrage als Balken
  • ein Argumentationsschema mit leerer Zeile für die fehlende Prämisse
  • ein „Argumentations-Baukasten” bzw. eine Vorlage „An das Schulforum” mit beschrifteten Feldern: Position, Belege, Prinzip, Unsicherheit, Einwand, Abwägung
  • eine Prüfliste am Ende jedes Hefts, mit einer Zusatzfrage „Für Profis”

Bewertung. Die Lehrkraftfassung enthält für jede Teilaufgabe ein Stufenraster von 0 bis 4, eine Umrechnung in Punkte und einen Erwartungshorizont. Zwei Regeln sind für Ethik angepasst. Erstens muss eine vollständige Begründung einen empirischen Befund mit einem moralischen Prinzip verbinden; wer allein aus Fakten ein Sollen ableitet, erreicht höchstens Stufe 2. Zweitens wird die Begründung bewertet, nicht die Position. Der Erwartungshorizont zeigt deshalb Musterantworten für unterschiedliche Positionen.

  • Heft A als Gruppenpuzzle: Die Evidenzkarten lassen sich auf Gruppen verteilen. Jede Gruppe stellt ihre Karten vor, alle füllen die Tabelle. Teilaufgabe 4 eignet sich als kurzer Zwischencheck.
  • Heft B mit echten Daten: Speiseplan der eigenen Mensa, eine eigene Umfrage oder ein Gespräch mit dem Mensapersonal machen die Aufgabe authentischer.
  • Essgewohnheiten nicht bewerten: Ernährung ist persönlich und oft familiär oder religiös geprägt. Es lohnt sich, vorab ausdrücklich zu sagen, dass Begründungen bewertet werden, nicht Essgewohnheiten.
  • Den Vergleich Mensch – Tier rahmen: Die Karte zum Kleinkind dient dazu, das Kriterium Selbsterkennung zu prüfen. Sie besagt nicht, dass Kleinkinder und Tiere moralisch gleich zu behandeln sind. Singers weitergehende Thesen sind umstritten; das sollte im Unterricht deutlich werden.
  • Raster offenlegen: Wie bei SEPUP hilft es, das Raster vorab mit der Klasse zu besprechen und Antworten gegenseitig bewerten zu lassen.

Die Hefte lassen sich als Lernaufgabe über mehrere Stunden oder in gekürzter Form als Leistungserhebung einsetzen. Beim Einsatz als Leistungserhebung kann der Infokasten zu Peter Singer in Heft A entfallen.

  • Heft A: Welche Tiere zählen?
  • Heft B: Fleischfreier Tag in der Mensa?
  • Lehrkraftfassung mit Bewertungsrastern, Erwartungshorizont und Einsatzhinweisen

Titelbild: Magnific (2026)

Quellen

Daten

Befunde auf den Evidenzkarten (Auswahl)

Weitere Studien (Gallup 1970; Horowitz 2017; Broom u. a. 2009; Sneddon u. a. 2003; Amsterdam 1972) sind in der Lehrkraftfassung aufgeführt.