Ein Beitrag von Viola Driemecker für den Einsatz im Geographie- oder Ethikunterricht, sie ist auch für den Deutsch-, Politik- oder Physikunterricht der Mittelstufe (Sek II) geeignet. Im Folgenden werden unter 1 zunächst geographische Voraussetzungen der Geothermie auf Island erläutert; die umfangreichere Darstellung soll es u.a. auch Ethik- oder Politiklehrkräften ermöglichen, sich in die fachlichen Zusammenhänge, die für die ethische Bewertung relevant sind, einzuarbeiten. Unter 2 folgt dann eine Auswahl ethischer Grundpositionen, die im Unterrichtsmaterial verwendet werden; die Kenntnis dieser ethischen Positionen in einfachen Grundstrukturen stellt die Voraussetzung dar für das vorgeschlagenen Unterrichtsmaterial, sofern es innerhalb einer Schulstunde durchlaufen werden soll; das Unterrichtsmaterial eröffnet aber auch die Möglichkeit, den Gruppen die ethischen Grundpositionen erst innerhalb einer länger konzipierten Unterrichtseinheit zur Verfügung zu stellen oder diese gemeinsam zu erarbeiten. Unter 3 folgt anschließend eine pädagogisch und didaktische Begründung der Eignung des Themas für die unterrichtliche Behandlung und des gewählten methodischen Vorgehens; hier findet sich auch das Unterrichtsmaterial. Die im Blog-Beitrag eingebundenen Filme können nach Bedarf eingesetzt werden,je nachdem wie Sie als Lehrkraft die Unterrichtseinheit konzipieren. Abschließend findet sich unter 4 eine Darstellung der ethischen Fallanalyse als Unterrichtsmethode.
1. Geographische Voraussetzungen der Geothermie auf Island
Island ist durch seine besondere Lage im Nordatlantik und die damit einhergehenden geographischen Bedingungen gekennzeichnet. Die Insel liegt auf dem mittelatlantischen Rücken und ist zusätzlich zu den plattentektonischen Vorgängen, die durch die Divergenz der eurasischen und nordamerikanischen Platte entstehen, durch rezenten Hot-Spot-Vulkanismus geprägt (vgl. Abb. 1). Geotektonische Prozesse der Kontinentalverschiebung werden hier erfassbar. Island ist durch unberührte Natur, eine geringe Einwohnerzahl (ca. 380.000 im Jahr 2022) sowie eine entsprechend geringe Bevölkerungsdichte außerhalb des Ballungsraumes Reykjavík gekennzeichnet. Die geologische Aktivität der Insel ist auf natürliche Art und Weise durch Geysire, Dampf aus dem Boden und Thermalquellen beinahe überall auf der Insel sichtbar.

Abb. 1: Islands Lage im Nordatlantik. Die rote Linie zeigt die Veränderung der Position des Mantle Plumes mit der Zeit (Thodarson/Höskuldsson 2014: 2)
Die besondere geographische Lage ermöglicht darüber hinaus die Nutzung von Geothermie, also natürlicher Erdwärme, welche nah an der Oberfläche verfügbar ist. Während früher vermehrt Öl und Gas zur Stromerzeugung importiert werden musste, nutzt Island seit der Entscheidung im Zusammenhang mit der Ölkrise 1970 Wasserkraft und Geothermie. Island hat damit bereits eine vollständige Energiewende vollzogen und kann seinen Eigenbedarf an Storm- und Fernwärme zu 100% mit lokalen Ressourcen abdecken (Helgadóttir 2022). Dabei belaufen sich 65% des Primärenergieverbrauchs in Island auf Geothermie. Insgesamt stammen 26,6% der isländischen Stromerzeugung aus Erdwärme. Ca. 85% der privaten Haushalte in Island werden mit geothermaler Energie beheizt. Die geothermische Stromerzeugung verteilt sich auf insgesamt sechs Kraftwerke. Davon ist Hellisheiði im Südosten Island das größte Geothermiekraftwerk Islands.
Durch ein ausgeprägtes Fernwärmenetz kann die Warmwasserversorgung sichergestellt werden. Dazu gehört auch die Nutzung des Wassers zur Gehweg- und Straßenbeheizung, um diese schneefrei zu halten (Bundesverband Geothermie 2020). Auch Unternehmen profitieren von den geothermischen Ressourcen wie beispielsweise das Spa der Blauen Lagune, Kosmetikhersteller, Biotechnologieunternehmen und Firmen, die Aquakultur betreiben (Helgadóttir 2022). Die Nutzung der vulkanisch aktiven Zonen wird auf der folgenden Karte sichtbar (vgl. Abb. 2):

Abb. 2: Geothermie auf Island (Behnen 2023)
Das Nutzen der natürlichen geothermischen Energie hat eine lange Tradition, so nutzte die isländische Bevölkerung dieses bereits früher zum Waschen oder Baden. Heutzutage ist die Nutzung der geologischen Bedingungen vielfältiger geworden. Gerade in den letzten Jahren hat Island im Zuge der Digitalisierung für Rechenzentren und Datenverarbeitung an Attraktivität gewonnen, wozu das kühle Klima und der günstige und nachhaltige Strom als Standortfaktoren beitragen (Trodler 2022).
Neben Geothermie stellt Wasserkraft eine wichtige Energiequelle zur Stromerzeugung dar. Landsvirkjun heißt die Firma der nationalen Energieversorgung, denen die meisten Kraftwerke gehören. Island ist weltweit der größte Produzent von grüner Energie pro Kopf und weist gleichzeitig mit ca. 55.000 kWh pro Person und Jahr den höchsten Stromverbrauch auf. Im Vergleich dazu liegt der EU-Durchschnitt bei weniger als 6.000 kWh.
Bis 2050 möchte Island zudem vollständig auf fossile Brennstoffe verzichten, die isländische Regierung plant dieses Ziel auf 2040 vorzuziehen. Aktuell sorgen der Flugverkehr, große Autos, kaum Nahverkehr und Emissionen in der Metallindustrie dafür, dass trotz Ökostrom der CO2-Ausstoß pro Kopf höher ist als in vielen anderen europäischen Ländern (Böck 2023).
Island verfügt über sechs geothermische Kraftwerke, die Strom erzeugen. Das Land stellt dabei eine Vorreiterrolle dar. Isländische Unternehmen sind zudem an Geothermieprojekten in über 30 Ländern weltweit beteiligt und teilen ihre Erfahrungen und ihr Wissen. Da nicht alle Länder weltweit über die geographischen Voraussetzungen wie Island verfügen, werden andere Länder zum Teil Ökoenergie importieren müssen, um klimaneutral zu werden. Island produziert bereits heute mehr Strom als die eigene Bevölkerung braucht. Seit vielen Jahren werden durch den günstigen Ökostrom auch stromintensive Unternehmen ins Land gelockt. Im Jahr 1995 warb Island explizit um internationale Unternehmen und versprach „Lowest Energy Prices“. Besonders für Aluminiumunternehmen war dies attraktiv, da die Produktion viel Strom benötigt. Das bereits erwähnte umstrittene Wasserkraftwerk Kárahnjúkur wurde für eine Aluminiumfabrik des US-Konzerns Alcoa gebaut (Böck 2024). Heute sind drei Aluminiumhütten, eine Produktionsanlage für Ferrosilizium und eine Siliziumfabrik die größten Stromverbraucher des Landes (Böck 2023). Das größte Kraftwerk des Landes ist das Wasserkraftwerk Kárahnjúkar, welches eine Kooperation des Stromkonzerns Landsvirkjun und des Aluminiumkonzerns Alcoa darstellt. Vor dem Bau regten sich massive Umweltproteste wie beispielsweise durch die Organisation Saving Iceland organisiert, die die Inbetriebnahme 2009 jedoch nicht gestoppt haben (Böck 2023). Der Fernsehjournalist Ómar Ragnasson war maßgeblich für die Organisation des Protests verantwortlich und gilt als bekannter Umweltschützer Islands. Befürworter/-innen sehen die Entstehung von Arbeitsplätzen, die Diversifizierung und den Wirtschaftsaufschwung im Osten des Landes als Vorteile.
Gleichzeitig warnen Umweltschützer/-innen vor den Auswirkungen der exzessiven Ausbeutung der Energieressourcen und den Folgen für Tier- und Pflanzenarten. So ging beispielsweise die Robbenpopulation in der Gegend zurück, was auf den Mineralienmangel der für die Aluminiumproduktion aufgestauten Flüsse zurückzuführen ist (Bosch 2011). Des Weiteren wird der Import von Bauxit, der auf Island nicht in natürlicher Weise vorkommt, aber für die Aluminiumproduktion benötigt wird, zum Teil aus Australien verschifft wird, kritisiert. Umweltinitiativen fordern den Stopp von weiteren Bauvorhaben sowie die Errichtung eines Nationalparks im gesamten Hochlandgebiet, um eine der größten unberührten Naturlandschaften Europas zu schützen. Viele Isländer befürworten inzwischen die Bestrebungen, auch wenn es teilweise Touristen, deren Hauptmotivation die Natur Island ist, gebraucht hat, um die Isländer den eigenen Wert ihrer Natur erneut vor Augen zu führen (Luger 2016). Durch die Flutung des knapp 60 Quadratkilometer großen Stausees bei Kárahnjúkur wurde die Landschaft im Hochland geflutet, die Vegetation überschwemmt, Wasserfälle und Teile der Schlucht trockengelegt sowie Kurzschnabelgänse und Rentierherden vertrieben.Die Staumauer ist die höchste in Europa (Del Guidice 2008).
Die Stromproduktion auf Island ist in den vergangenen Jahren kaum gestiegen, während gleichzeitig der Bedarf nicht nachlässt. Der staatliche Stromkonzern Landsvirkjun schreibt in einer Stellungnahme von 2022, welche Entwicklungen und Kunden derzeit Priorität haben. Als erstes nennt die Unternehmensführung den inländischen Strombedarf, der im Rahmen der Energiewende gedeckt werden muss. Darüber hinaus werden digitale Entwicklungen und Innovationen in Datenzentren, ausgenommen sei hier Krypto-Mining, sowie bisherige Großkunden und deren Wettbewerbsfähigkeit unterstützt. Als weitere zukünftige Punkte werden Großabnehmer der Metallindustrie und anderen Industriegütern genannt sowie der Export von Energie in Form von E-Fuel oder über Unterseekabel. Landsvirkjun sieht gerade in den letzten beiden Möglichkeiten interessante Optionen in naher Zukunft, über die es zu diskutieren gilt. Aus dieser Stellungnahme wird deutlich, dass der Energiebedarf im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Akteuren und Interessenten wie beispielsweise der isländischen Bevölkerung, der Industrie sowie ausländischem Bedarf Diskussionsbedarf hervorruft und ggf. zu Konflikten führen kann.
Darüber hinaus war der Export von Ökostrom aus Island bereits geplant und lange in der Diskussion. Dafür sollte ein 1170 km langes Kabel Island mit dem Elektrizitätsnetz Großbritanniens verbinden. Icelink wäre das längste Unterwasserkabel der Welt (Menn 2014). Der staatliche Energieversorger Landsvirkjun und der britische Netzbetreiber National Grid sowie beide Wirtschaftsminister führten intensive Gespräche. Der Top-Manager von Landsvirkjun Bjorgvin Sigurdsson betont, dass die Energie zuverlässig, sauber und billig sei. Darüber hinaus kann die Verbindung so viel Leistung wie ein Atomkraftwerk übertragen. Laut Sigurdsson sei eine Verdopplung der Erzeugung von 18 auf 36 Terawattstunden möglich.
Geothermische Energie ist zwar eine erneuerbare Energiequelle, allerdings kann diese entweder nachhaltig oder im Übermaß genutzt werden. Eine übermäßige Produktion aus einem geothermischen Feld kann zum Versiegen der Quelle führen. Dies kann bei intensiven Bohrungen und Nutzung der Kraftwerkanlagen der Fall sein. Kürzlich wies auch der CEO von Energy Reykjavík auf einen fortschreitenden Produktionsabfall in dem Kraftwerk Hellisheiði hin. Er räumte ein, dass die Anlage mit den Ressourcen nicht mit der gebotenen Vorsicht umgegangen sei (Hermann 2017). Hellisheiði beweist, dass die Nutzung von geothermaler Energie in kleinen Schritten erfolgen müsste.
Vulkanologen befürchten beim vermehrten Ausbau von Geothermie einen erhöhten Ausstoß von giftigen Gasen. Die Kraftwerke stoßen nachweislich H2O und die giftige Chemikalie Schwefelwasserstoff aus. Die salzhaltige Flüssigkeit, die übrig bleibt, wenn der der Dampf abgeschieden ist, ist mit den Chemikalien und Schermetallen wie Cadmium und Quecksilber behaftet. Das kann ein Problem darstellen, was mehr erforscht werden müsste (Budde 2014). Eine Studie weist bereits auf den erhöhten Schwefelwasserstoffausstoß im Großraum Reykjavík hin, was auf die geothermischen Aktivitäten zurückzuführen ist (Hermann 2017).
2019 wurde eine Studie veröffentlicht, die das Moossterben rund um Aluminiumwerke mit diesen untersucht hat und einen Zusammenhang festgestellt hat. Rund um Aluminiumwerke sind Moosarten zurückgegangen bzw. teilweise ganz verschwunden, was auf den vermehrten Bleigehalt im Untergrund zurückzuführen ist (Trodler 2019).
2. Umweltethische Positionen zur Bewertung der Nutzung von Geothermie auf Island
Anthropozentrismus
Anthropozentrische Argumentationen begründen sich auf den moralischen Wert des Menschen. Die Natur hat demnach den Zweck, dem Mensch zu dienen, genießt jedoch keinen Selbstzweck. Daraus ergibt sich, dass der Umgang mit Tieren und Eingriffe in die Natur gerechtfertigt sind, solange sie den Interessen der Menschen dienen (Krebs 1997).
Der praktische Naturschutz wird im Basic-Needs-Argument damit gerechtfertigt, dass die Natur menschliche Grundbedürfnisse wie beispielsweise Nahrung, Obdach und Gesundheit befriedigt. In dieser Argumentation spielen demnach instrumentelle Werte eine Rolle.
Darüber hinaus können im Hinblick auf den Naturschutz auch ästhetische Werte von Bedeutung sein. Beim Erleben und Betrachten von Natur kommen eudämonistische Werte zum Tragen, da die Natur nach diesem Argument einen ästhetischen Eigenwert besitzt. Eudämonistische Werte spiegeln sich auch im Heimat-Argument wider, welches besagt, dass die Natur „Heimat individueller und kollektiver menschlicher Besonderheit“ ist. Natur bietet Menschen Heimat und trägt somit zu Gefühlen wie Vertrautheit, Geborgenheit und deren Identität bei. Überträgt man diese Position auf den Fall, so lässt sich der Eingriff in die Natur mit dem wirtschaftlichen Interesse des Menschen begründen. Beim Bau eines neuen Kraftwerks kommen vor allem Basic-Needs-Argumente zum Tragen. Der Mensch braucht Energie und Strom. Gleichzeitig bietet ein neues Kraftwerk Arbeitsplätze. Ästhetische und eudämonistische Werte der Natur würden erhalten bleiben, da der Mensch an anderer Stelle die Natur genießen und erleben kann. Solange der Austritt der giftigen Gase dem Menschen nicht schadet und deren Schutz gewährleistet ist, profitiert der Mensch durch das neue Kraftwerk.
Biozentrismus
Im Biozentrismus gibt es im Vergleich zum Pathozentrismus keine Empfindungsgrenze in Bezug auf die Lebewesen. Nach dieser Sichtweise haben alle Lebewesen, auch Pflanzen, ein Lebensrecht und der Mensch trägt die Verantwortung für sie. Die Gleichbehandlung aller Lebewesen ist notwendigerweise eingeschlossen. Der bekannteste Vertreter ist Albert Schweizer, der sein Verständnis zu seiner Auffassung von dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur in dem Satz „Ich bin Leben, das leben will, umgeben von Leben, das leben will.“ ausdrückt. Das Argument wird auch als Ehrfurcht vor dem Leben bezeichnet, wobei sich die Ehrfurcht auf den Respekt für das Leben anderer Menschen als auch auf alles Leben der Natur bezieht.
Bezogen auf das Fallbeispiel ist der Eingriff in die Natur aus einer biozentrischen Position nicht zu vertreten. Durch den Bau eines weiteren Kraftwerks würde viel Natur und somit Leben zerstört werden, was nicht gerechtfertigt wäre. Der Bau verfolgt vor allem ökonomische Interessen und ist für den Menschen nicht lebensnotwendig. Es würde die Menschen und die Pflanzen und Tiere in dem Lebensraum verdrängen bzw. negativ beeinflussen.
Holismus
In holistischen Argumentationen sind Menschen als Teil der Natur anzusehen. Der Mensch wird dabei als Teil des Systems verstanden, der Dualismus zwischen Mensch und Natur, der den anderen vorgestellten Positionen inhärent ist, auflöst.
Der moralische Eigenwert des Menschen besteht im Eigenwert der Natur und umgekehrt. Alles, was existiert, hat ein Recht an und für sich. Der Holismus umfasst neben der belebten Materie, auch unbelebte. Es geht dabei um ganze Ökosysteme in ihrer Gesamtheit. Belebte und unbelebte Materie muss nicht zwingend gleichbehandelt werden, jedoch darf keines unberücksichtigt bleiben. Entscheidungskriterium dieser Sichtweise ist, was der Natur als Gesamtheit zugutekommt. Bezogen auf das Fallbeispiel ist der Bau des Kraftwerks nicht zu rechtfertigen, da der Eingriff den Menschen nicht als Teil der Natur begreift. Natur und Menschen sind als ein Ganzes zu betrachten, was den Einfluss des Menschen in die Natur stark einschränkt. Die Natur ist um ihrer selbst willen zu schützen und darf nicht zerstört werden.
Das Prinzip der Verantwortung nach Hans Jonas
Hans Jonas verfolgte mit seinem Buch Das Prinzip Verantwortung (1979) den Anspruch, eine neue Ethik entwickeln zu wollen. Traditionelle Ethik sei anthropozentrisch (Jonas 1979: 22). Während es bisher gereicht habe, sich für diejenigen Konsequenzen unseres Handelns verantwortlich zu fühlen, die räumlich und zeitlich naheliegen, hat sich dies aus heutiger Perspektive geändert. Der Mensch sei heutzutage in der Lage, grundlegend in die Natur einzugreifen, indem er beispielsweise das Klima oder andere Lebewesen genetisch verändern kann. Zudem würden viele technische Entwicklungen wie beispielsweise Atomwaffen, die die gesamte Menschheit und den Planeten vernichten können, die menschlichen Handlungsspielräume vergrößern. Die Folgen sind dabei zum Teil schwer abzuschätzen und können sich auf einen langen Zeitraum beziehen. Das erweitere Handlungsvermögen kann somit auch mittel- oder langfristige Auswirkungen haben, die zum Teil schwer abzuschätzen sind. Jonas fordert eine Ethik, die zeitlich entfernte Generationen in ihren Moralprinzipien berücksichtigt. Aus diesem Grund formuliert Jonas einen neuen Verantwortungsbegriff. Zudem ist auch die Natur an sich schützenswert. Er erweitert die bisherige Ethik der Nächstenliebe um das Prinzip der Fernstenliebe. Wenn man die Risiken einer neuen Technologie abschätze, sei die schlechtere der besseren vorzuziehen (Jonas 1979: 63f.). Dieses Vorgehen nennt Jonas die Heuristik der Furcht. Zudem formuliert er im Sinne des kategorischen Imperativs von Kant einen ökologischen Imperativ: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“ (Jonas 1979: 36). Bezogen auf den Bau des neuen Kraftwerks sind die beschriebenen Risiken einzuschätzen. Kritisch zu sehen sind die kaum erforschten Auswirkungen des Ausstoßes giftiger Stoffe auf den menschlichen Organismus sowie die mögliche Zunahme von Erdbebenaktivitäten. Grundsätzlich ist Klimaneutralität vor allem in Anbetracht der Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen anzustreben, jedoch nur, wenn die Risiken eingeschätzt werden können, die die Technik der Geothermie mit sich bringt. Vertreter/-innen dieser Position würden ein geringeres Risiko vorziehen, was beispielsweise die nachhaltige und lokale Nutzung der Geothermie beinhaltet. Des Weiteren wäre auch die Alternative des nachhaltigen Tourismus hier denkbar, um für nachfolgende Generationen eine klimafreundliche Lebensgrundlage zu schaffen.
3. Bedeutung der Inhalte für die Schülerinnen und Schüler
Pädagogische Begründung der Eignung des Unterrichtsthemas
Fallanalysen in Geographie- und Ethikunterricht haben das Ziel, die Argumentations- und Urteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf ethische Fragestellungen mit gesellschaftlicher oder individueller Relevanz zu schulen. Dabei geht es weniger um eine rhetorische Argumentationskompetenz, sondern darum, durch starke Argumente zu überzeugen. Die Urteilsbildung kann sich auch auf die Anwendung ethischer Theorien erstrecken. Dabei bildet sich ein Spannungsfeld zwischen eigenen Intuitionen und theoretischen Grundlagen, deren Kongruenz bzw. Abweichung gegenseitig zu überprüfen und zu begründen ist. Die Fallanalyse vollzieht sich nach einem Schema, welches Struktur gibt und eine Entwicklung beinhaltet. Mithilfe des Vorgehens der Fallanalyse erfolgt dies schrittweise und so für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar und schlüssig.
Die konkreten Themen und Fragestellungen einer Fallanalyse sind vielfältig und je nach Jahrgangsstufe, Thema und Schwerpunktsetzung unterschiedlich komplex.
Im vorliegenden Fall bezieht sich die Fallanalyse auf den umweltethischen Fall eines neuen Geothermie-Kraftwerks auf Island. Das Beispiel zeigt den Zusammenhang zwischen Alltagshandeln und globalen Auswirkungen. Es bietet gleichzeitig eine gewisse Distanz, die ein unvoreingenommenes Spontanurteil zulässt. Die Konfrontation mit einem bisher voraussichtlich unbekannten Fall stärkt die Argumentations- und Urteilskompetenz in besonderem Maße. Gleichzeitig ist es den Schülerinnen und Schülern möglich, sich durch die konkrete Fallbeschreibung und den thematischen Lebensweltbezug der Energieversorgung, die sie ebenfalls in ihrem Alltagshandeln betrifft, schnell in das Thema hineindenken zu können. Wie bereits beschrieben sind die Themen Umwelt und Klimawandel präsent für die Schülerinnen und Schüler und in Bezug auf ihr Lebensumfeld. Sie können die Relevanz des aktuellen Diskurses nachvollziehen und sind selbst betroffen, da sie selbst und womöglich ihre nachfolgenden Generationen weiter auf der Erde leben möchten. Der Fall auf Island bezieht sich auf die Stromerzeugung, welche auf Island anhand von Geothermie nachhaltig und günstig möglich ist. Die Schülerinnen und Schüler erfahren durch die zunehmende Digitalisierung und den Diskurs die Bedeutung von Stromerzeugung. Des Weiteren verfügen sie über Intuitionen in Bezug auf Natur und Eingriff des Menschen. Island dient als anschauliches Beispiel für unberührte Natur, die durch den Menschen jedoch für seine Zwecke genutzt wird. Der Kontrast zwischen den ausgeprägten Naturlandschaften und dem Eingriff des Menschen kommt auf Island mehr zum Tragen als in Deutschland. Dazu trägt auch die geringe Bevölkerungsanzahl und -dichte auf Island bei. Zudem ist das Beispiel der Insel geeignet, da diese einen begrenzten Raum darstellt, auf dem der Fall präsentiert wird. Die Gegebenheiten der Insel sind schnell zu erfassen. Island bietet im Sinne des exemplarischen Prinzips die Möglichkeit den Konflikt zwischen Natur und Mensch anschaulich und kontrastiv abzubilden. Diskussionen über eine nachhaltige und klimafreundliche Energieversorgung sind auch in Deutschland präsent, hier ist der Raum und die Meinung jedoch komplexer, da die Diskussionen in Bezug auf die nachhaltige Energieversorgung vielschichtiger sind. Das besondere an Islands Stromversorgung ist, dass die bereits zu 100% aus nachhaltigen Ressourcen besteht. Durch die Diskussion in verschiedenen Rollen vollziehen die Schülerinnen und Schüler einen Perspektivwechsel und schulen ihre Argumentationskompetenz. Gleichzeitig sind sie durch das Spontanurteil und das Gesamturteil auch selbst dazu aufgefordert, sich eine Meinung zu bilden.
Methodisch-didaktische Überlegungen
Der Einstieg der Unterrichtsstunde erfolgt anhand eines Videos, welches für den Kontrast zwischen Mensch und Natur auf der Insel Island sensibilisieren soll (s.o.). Die Schülerinnen und Schüler erhalten durch die bewegten Bilder und die vorgestellten Personen einen ersten Eindruck des Konflikts und können sich diesen besser vor Augen führen. Des Weiteren erkennen sie die geographischen Besonderheiten Islands wie beispielsweise die Nutzung von Geothermie. Nach der anschließenden Vorstellung des Fallbeispiels nehmen die Schülerinnen und Schüler Spontan Stellung, was ihre moralische Intuition aktiviert und zum Nachdenken zum Fall anregt. Sie geben dabei ihre erste Intuition wieder und sind so gezwungen, sich unvoreingenommen zu positionieren. Die schriftliche Formulierung hat das Ziel, dass sie diese besser mit dem anschließenden Gesamturteil vergleichen können.
In der ersten Erarbeitungsphase vollziehen die Schülerinnen und Schüler die Situations- und Interessenanalyse, so wie es das Schema der Fallanalyse vorgibt. Sie beschreiben die Situation, benennen die Akteure sowie deren Ziele und Interessen. Zudem ordnen sie diesen anschließend umweltethische Positionen zu, um auf mögliche Werte- und Zielkonflikte zu schließen. Die Sicherung erfolgt auf dem Arbeitsblatt. Anschließend kommt es wie bei dem Schema der Fallanalyse bereits beschrieben zu der Normenanalyse. Dies erfolgt arbeitsteilig anhand einer Rollenbeschreibung. Dabei wird die Perspektivübernahme geschult.
Die Schülerinnen und Schüler analysieren die Werte und Normen ihrer Rolle, die den jeweiligen Interessen und Zielen zu Grunde liegen. Dabei beziehen sie ebenfalls die wesentlichen Begründungsansätze der Umweltethik ein, die sie zuvor zugeordnet haben. In dieser Gruppenarbeitsphase sollen sich die Schülerinnen und Schüler auf das stärkste Argument ihrer Rolle einigen, um dies in den Puzzlegruppen möglichst überzeugend anwenden zu können. In den Puzzlegruppen diskutieren die Schülerinnen und Schüler jeweils aus ihrer Rolle und versuchen, die anderen von ihrer Position zu überzeugen und dabei die umweltethischen Positionen anzuwenden. Das jeweils stärkste Argument wird in die Tabelle auf das Arbeitsblatt übertragen. Eine Überprüfung der Überzeugungskraft der Argumente findet im abschließenden Gesamturteil durch die Aufstellung auf einer Positionslinie statt. Alle Schülerinnen und Schüler müssen sich dafür aus ihrer Rolle lösen, wieder in ihre eigene Perspektive zurückkehren und reflektieren, ob die Positionen und Argumente der anderen überzeugend waren, sodass sie ihr Spontanurteil vom Anfang der Stunde verändern oder ob sie in ihrer Meinung bestärkt wurden. Das Gesamturteil wird somit „veröffentlicht“ und lässt einen Vergleich mit dem ersten Spontanurteil zu.
Da es in der Stunde vor allem um den Ablauf der Fallanalyse geht, sollen alle Schülerinnen und Schüler die einzelnen Schritte aktiv erleben und anwenden, was das Gruppenpuzzle ermöglicht. Gleichzeitig ist hierdurch eine hohe Schüleraktivität gegeben. Mit der Hausaufgabe reflektieren die Schülerinnen und Schüler erneut über ihre Entscheidung, indem sie ihr Gesamturteil kurz schriftlich ausformulieren und somit direkt mit dem Spontanurteil vergleichen können.
Alternative methodische Durchgänge
Das Unterrichtsmaterial ist so konzipiert, dass auch alternative Abfolgen möglich sind; so kann, wie oben bereits erwähnt, eine Erarbeitung der umweltethischen Positionen auch eingebunden und die Unterrichtseinheit ausgeweitet werden; die unter 1. in der Sachanalyse gegebenen Informationen können bspw. ab der oberen Mittelstufe oder in der Oberstufe auch als Sachinformation in ein Arbeitsmaterial integriert und zur eigenen Erarbeitung zur Verfügung gestellt werden.
4. Die ethische Fallanalyse als Unterrichtsmethode
Die ethische Fallanalyse zeichnet sich durch die Verknüpfung einer deskriptiven Beschreibung eines Falles sowie einer normativen Bewertung und Beurteilung aus. Die Güte der Bewertung ist zwar von der Sachanalyse, also den Informationen und Fakten des Falles, abhängig, allerdings spielt diese im Fach Ethik im Vergleich zu Fällen aus anderen Fächern, in denen es vor allem um Sachfragen geht, eine weniger große Rolle. Der Schwerpunkt einer ethischen Fallanalyse liegt auf der normativen Analyse (Maring 2011: 14f). Fallstudien im Ethikunterricht haben u.a. das Ziel, die gesellschaftliche Relevanz ethischer Überlegungen zu verdeutlichen, Entscheidungsprozesse abzubilden und Schülerinnen und Schüler zu ermutigen, an Diskursen teilzunehmen und sich zu engagieren (Franzen 2011: 19). Des Weiteren werden die Schülerinnen und Schüler darin geschult, ein wohlüberlegtes und begründetes Urteil zu fällen. Dabei geht es weniger um eine rhetorische Überzeugungskraft als um die inhaltliche Stärke des jeweiligen Arguments. Somit eignen sich Fallanalysen, die Argumentationskompetenz und Urteilskompetenz der Beteiligten zu stärken.
Geeignete Fallbeschreibungen zeichnen sich durch sieben Kriterien aus (ZPG Ethik 2018). Zunächst sollte, wie bereits erläutert, die ethische Problematik im Vordergrund stehen, was sich durch die Frage nach dem Sollen ausdrückt. Zweitens sollen die Fälle real oder realitätsnah und fiktiv sein. Die Schülerinnen und Schüler benötigen eine gewisse Distanz, um die Fälle aus unvoreingenommener Perspektive moralisch analysieren zu können. Unbekannte Fälle können das Urteilsvermögen somit ggf. besser schulen als Fälle, die vorher bereits oft durchdacht worden sind und somit nicht mehr neutral betrachtet werden können. Drittens sollten die Fälle einen Dilemmacharakter haben oder eine Grenzziehungsproblematik aufweisen. Die Entscheidung sollte viertens allein aufgrund der vorgestellten Situation erfolgen. Alternativen, Auswege oder zusätzliche Annahmen sowie umfangreiches Zusatzmaterial sollten nicht unbedingt notwendig sein. Fünftens muss der Umfang überschaubar, aber nicht zu knapp sein. Ansonsten wäre das Bedürfnis nach zusätzlichen Recherchen und pragmatischen Auswegen zu groß und die ethische Problematik stünde nicht mehr im Fokus. Als Textsorte ist der durchgängige Bericht bzw. eine kurze Falldarstellung mit kontroversen Stellungnahmen geeignet. Schließlich ist die Form der anschließenden Frage entscheidend. Diese kann prospektiv („Soll…?“) oder retrospektiv sein, nachdem eine Entscheidung bereits gefallen ist („War/Ist es richtig, dass…?“). Verstärkt werden kann die Frage durch passendes moralisches Vokabular wie „verpflichtet“, „gut“ oder „ethisch beurteilen“. (ebd.)
Schema der ethischen Fallanalyse
Der Ablauf einer ethischen Fallanalyse geht von der Voraussetzung aus, dass alle Menschen moralische Intuitionen haben. Diese prägen sich im Laufe der Entwicklung eines Kindes weiter aus. Zudem können die Intuitionen auch auf unbekannte Fälle, bei denen ggf. nicht alle Sachinformationen im Detail bekannt sind, angewendet werden. Dieses moralische Gefühl reicht für ein erstes vorläufiges moralisches Urteil. Im Zuge der Fallanalyse werden die Intuitionen kritisch überprüft und führen am Ende zu einem gut begründeten Urteil. Dabei können sich das erste Spontanurteil und das Gesamturteil unterscheiden (Franzen 2011: 19).

Abb. 3: Ablauf der Fallanalyse nach Franzen (Franzen 2011: 21)
Im ersten Schritt der ethischen Fallanalyse wird der Fall vorgestellt. Dieser wird dabei möglichst anschaulich beschrieben, wobei die ethische Problematik fokussiert und leicht zu erfassen sein muss. Die Fallbeschreibung sollte den oben beschriebenen sieben Kriterien für einen geeigneten Fall folgen. Der Beschreibung folgt eine Frage, die eine ethische Dimension enthält, was sich beispielsweise durch ein Sollen ausdrückt.
Auf diese Frage formulieren die Beteiligten ein erstes Spontanurteil, um so ihre moralischen Intuitionen zu aktivieren. Das erste Urteil wird, ggf. zusammen mit einer kurzen Begründung, schriftlich fixiert, um später einen besseren Abgleich mit dem Gesamturteil zu ermöglichen. Es soll klar werden, dass es sich nur um ein vorläufiges Urteil handelt. Das Spontanurteil dient der Verdeutlichung der Entwicklung im Urteilsprozess. Zudem zwingt es zu einer ersten Positionierung und einer ersten persönlich Konfrontation mit dem Fall sowie einem Nachdenken über die ethische Fragestellung.
Im darauffolgenden Schritt erfolgt ggf. eine ausführlichere Sachanalyse. Wenn das Fallbeispiel im ersten Schritt umfangreich vorgestellt wurde und keine offenen Fragen bestehen, kann dieser Schritt entfallen. Dies ist auch bei einem weniger komplexen Beispiel der Fall. Dennoch sollte sichergestellt sein, dass alle Beteiligten die Sachinformationen verstanden haben und somit deskriptive und normative Aussagen getrennt bleiben. Im Rahmen des gesamten Urteilsprozesses und Verlaufs der Fallanalyse kann es zu Klärungsbedürfnissen kommen, weshalb die Sachanalyse nie als vollständig abgeschlossen gelten muss.
Je nach Komplexität oder Ausgangslage des Falls kann es sinnvoll sein, die Sachanalyse interdisziplinär bzw. fächerübergreifend zu gestalten oder arbeitsteilig zu recherchieren und anschließend zu präsentieren. Eng verbunden mit der Sachanalyse ist die Interessenanalyse, in der die Akteure bzw. beteiligte Instanzen des Falls und deren jeweilige Interessen herausgearbeitet werden.
Die Analyse der unterschiedlichen Interessen kann somit einen Übergang zur normativen Analyse darstellen, da hier bereits die den Interessen zugrundeliegenden Werte eine Rolle spielen. Wenn die konfligierenden Werte benannt werden, werden Konflikte und unterschiedliche Positionen deutlich. Alternativ können die Normenkonflikte auch durch die Spontanurteile sichtbar werden, wobei die Tiefe und Bandbreite der Konflikte von diesen abhängt.
Anschließend folgt die ethische Analyse. Diese kann in verschiedenen Teilschritten vorgenommen werden. Bestimmten identifizierten Werten und Normen soll hierbei begründet der Vorrang gegeben werden, um damit Entscheidungen oder Grenzziehungen im vorliegenden Fall zu stützen. Dabei spielen ethische Grundpositionen wie beispielsweise der Utilitarismus oder die deontologische Ethik Kants bei der Begründung eine Rolle. Somit dient die Fallanalyse in diesem Schritt dazu, die Anwendbarkeit von philosophischen Theorien zu prüfen – in einer 8. Jahrgangsstufe kann gleichwohl nur sehr begrenzt auf komplexe ethische Theorien Bezug genommen werden. Dieser Schritt ist abhängig vom Vorwissen der Schülerinnen und Schüler bzw. der jeweiligen Klassenstufe. Darüber hinaus können auch weitere Argumente zum Tragen kommen und eine eigene Position entwickelt werden. Dies stärkt ebenfalls die ethische Urteils- und Argumentationskompetenz. Dieser Schritt lässt sich beliebig durch die Analyse weiterer, auch fremder Argumentationen erweitern. Ergänzende Stellungnahmen aus Zeitungen, Talkshows oder Interviews können hier auf ihre Argumentationsweise und Überzeugungskraft untersucht werden. Die kritische Überprüfung der vorgebrachten Argumente sowie deren Folgerichtigkeit oder die Anwendung des Toulmin-Schemas oder des praktischen Syllogismus können ebenfalls gewinnbringend sein.
Nach der normativen Analyse mithilfe verschiedener ethischer Grundpositionen und Argumentationsmustern erfolgt das abschließende Gesamturteil, welches Abwägungsprozesse und eine klare Positionierung voraussetzt. Das Gesamturteil soll „veröffentlicht“ werden, was eine Verbindlichkeit schafft und Verantwortung für das eigene Handeln erfordert (Franzen 2011: 27). Dabei gibt es vielfältige Möglichkeiten wie beispielsweise die Podiumsdiskussion, Formulierung von Leserbriefen oder von Gesetzesentwürfen oder das Schreiben eines Essays. Dennoch ist der Urteilsprozess auch nach diesem Schritt nicht als vollständig beendet zu betrachten, da eine Rückkehr zum dritten und vierten Schritt jederzeit möglich ist.
Als letzten Schritt formuliert Franzen die Reflexion des Urteilsprozesses auf einer Metaebene, was Abstraktionsvermögen und Distanz zum eigenen Prozess sowie ein Rückblick auf das Verfahren und Vorgehen ermöglicht.
Pfeifer (2022) geht nach ähnlichen Schritten vor: Zunächst steht auch hier die Erfahrung des Sachverhalts als ethisches Problem. Anschließend erfolgt die Kontextanalyse in Form einer detaillierten Beschreibung der besonderen Fallkonstruktion unter Bezugnahme auf die Beteiligten und deren Interessen. Als dritter Schritt wird die Wertanalyse vorgenommen, bevor anschließend Verhaltensalternativen entworfen werden. Den fünften Schritt nennt Pfeifer die Analyse der Verhaltensalternativen, wobei die Orientierung an grundlegenden Argumentationsmustern erfolgt. In diesem Zusammenhang sollen die Argumente hinsichtlich ihrer Konsistenz geprüft werden. Anschließend erfolgen die Konsensfindung und Entscheidung, worauf als weiterer Schritt die Varianz der Randbedingungen thematisiert wird. Abschließend findet ein Analogie-Test statt. Pfeifer geht somit umfassender als Franzen vor, indem er mehr Schritte vorsieht und mehr Abwägungsprozesse stattfinden. So ist beispielsweise die Güterabwägung bzw. die Hierarchisierung der Handlungsoptionen bei Franzen nicht explizit als Schritt vorgesehen. Darüber hinaus plädiert Pfeifer am Ende für einen Analogie-Test, in welchem ähnliche Fälle betrachtet werden und somit auf den Grundsatz der Verallgemeinerung geprüft wird. Schlussendlich erfolgt die schriftliche Fixierung des persönlichen Urteils (Pfeifer 2022: 90f.).
Unterrichtsentwurf & Unterrichtsmaterial: Viola Driemecker (2024)
Ausgewählte Literatur
Behnen, T. (2023). Geothermie auf Island. In: Geographische Rundschau 4 (2023), S. 56.
Böck, H. (2023). Island möchte nicht alle versorgen (25.3.2023). https://www.klimareporter.de/strom/island-moechte-nicht-alle-versorgen.
Böck, H. (2024). Ökostrom darf wieder zweimal verkauft werden (31.1.24). https://www.klimareporter.de/strom/oekostrom-darf-wieder-zweimal-verkauft-werden.
Bosch, J.(2011), Krieg gegen die Natur (05.01.2011). https://taz.de/Aluminiumproduktion-auf-Island/!5129336/.
Bundesverband Geothermie: Lexikon der Geothermie. Island. https://www.geothermie.de/bibliothek/lexikon-der-geothermie/i/island.
Franzen, H.(2017). Fallanalysen für den Ethik- und Philosophieunterricht. In sechs Schritten zu einem reflektierten Urteil. In: Ethik und Unterricht 4 (2017), S. 4-8.
Helgadóttir, B. K. (2022). Die Energiewende Islands (26.05.2022): https://www.klimareporter.de/energiewende/die-energiewende-islands.
Maring, M. (2011). Einleitung und Übersicht. In: Fallstudien zur Ethik in Wissenschaft, Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Hg. von Matthias Maring. Karlsruhe 2011 (=Schriftenreihe des Zentrums für Technik- und Wirtschaftsethik am Karlsruher Institut für Technologie 4), S. 9-18.
Peifer, V. (2022): Ethisch argumentieren. Eine Anleitung anhand von aktuellen Fallanalysen. Braunschweig 2022.
Thordarson, T. & Höskuldsson, Á (2014). Iceland, classic geology in Europe. Dunedin Academic Press, Edinburgh.
Trodler, D. (2019). Aluminiumwerke verursachen Moossterben (08.03.2019). https://www.icelandreview.com/news/aluminiumwerke-verursachen-moossterben/.
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