Inter- und intragenerationelle Konflikte um politische Haltungen zum Klimawandel

Im folgenden Unterrichtsvorschlag für die Sekundarstufe II geht es um einen Ausschnitt im Leben einer jungen Frau, Paula, die über Fridays for Future zum Klimaaktivismus gelangt und schließlich an den Protesten in Lützerath teilnimmt. Besonders, aber nicht ausschließlich junge Menschen engagieren sich so für eine Politik, die konsequent darauf abzielt, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Damit werden komplexe Aspekte sozialer, wirtschaftlicher und auch ökologischer Gerechtigkeit mit Blick auf das Leben zukünftiger Generationen berührt. Dabei wird ein wachsendes Spannungsfeld sichtbar: Auf der einen Seite steht der Rechtsstaat, auf der anderen Aktivist*innen, die zunehmend das Vertrauen in dessen Fähigkeit verlieren, die Herausforderungen des Klimawandels wirksam zu bewältigen. Der Unterrichtsvorschlag eignet sich für den Einsatz in Georgaphie-, Ethik-, Philosophie und Politikunterricht.

Lebenslinienmethode: Politische Aktivierung als Bestandteil der Identitätsbildung (Unterrichtsmaterial Teil 1)

Mit der Lebenslinienmethode werden moralische Fragestellungen auch implizit durch ein unmittelbares Berührtwerden erfahren und nicht nur auf einer expliziten Ebene des Beschreibens, Analysierens, Ergründens und Argumentierens erfasst. Dies wirft die Frage nach Kompetenzen auf, die dieses Berührtwerden und die damit verbundenen Sachfragen organisieren – im Umgang mit sich selbst und im Umgang mit den Emotionen anderer, sobald ein Raum eröffnet wird, „in dem die Haltungen und Orientierungen, die unthematisch das alltägliche Handeln bestimmen, diskursiv werden“ (Schoberth 2012, 297). Die Lebenslinienmethode (engl. fortune lines) eröffnet solche Räume. Sie stammt aus einer Richtung der angelsächsischen Unterrichtsforschung, die in der Geographiedidaktik als Thinking-Through-Geography-Ansatz (Leat 1998; Vankan 2003) bezeichnet wird und stark mit dem Ziel der Förderung von Beurteilungs- und Bewertungskompetenz verknüpft ist. Mit der Methode sollen Gefühls- und Stimmungslagen von Akteuren innerhalb von chronologisch geordneten Ereignissen nachvollzogen werden, indem diese in ein Achsenkreuz auf einer Lebensgefühl-Skala eingetragen werden:

Konfliktanalyse und -reflexion mit Milieu- und Habituskonzept (Unterrichtsmaterial Teil 2)

Über den Geographieunterricht hinaus führt das folgende ergänzende Unterrichtsmaterial, das im Anschluss an die Arbeit mit der Lebenslinienmethode zum Einsatz kommen kann, im Ethik- oder Politikunterricht, eine zusätzliche Perspektive ein zur Analyse der vorliegenden innerfamiliären Konfliktfelder. Mit Habituskonzept und Milieuansatz werden: Der Habitus besteht aus den Haltungen, Dispositionen, Gewohnheiten und Einstellungen eines Individuums gegenüber der Welt. Die für ein Milieu typische Art der Lebensführung umfasst dabei sowohl soziale Praktiken als auch die individuelle Wahrnehmung der Welt. Der Habitus findet seinen Ausdruck u.a. in Wohnstil, kulinarischen Vorlieben oder dem Konsum kultureller Güter, wodurch soziale Unterschiede erkennbar werden. Der Habitus wird im Rahmen der Sozialisation erworben, wobei die kulturellen und materiellen Gegebenheiten der Familie die Vorlieben eines Kindes prägen.

Im vorliegenden Fall konfligieren die prägenden Wert- und Moralvorstellungen von Paulas Herkunftsmilieu (Bürgerliche Mitte im Sinus-Milieu-Ansatz) mit neuen Wertvorstellungen, die sie erwirbt im Rahmen ihrer Politisierung, welche sie näher an Wert- und Moralvorstellungen aus dem sozial-ökologischen Milieu heranführt. So erlebt sie Konflikte, die Altersgenossen*innen, die letzterem Milieu entstammen, möglicherweise nicht mit ihren Eltern erleben, da sie mit ihnen gewissermaßen „sozial und moralisch mitschwingen“. Das Unterrichtsmaterial soll es Schüler*innen der Sekundarstufe II ermöglichen gesellschaftliche Strukturen und Ereignisse vor dem Hintergrund einer soziologischen Theoriefamilie neu zu verstehen und sich so alternative Perspektiven auch auf politische Konflikte, wie sie sich vor allem vor Wahlen zuspitzen, zu erarbeiten.