Analyse und Empfehlungen für die inhaltliche Auseinandersetzung mit Rassismus und Rassismuskritik von Stefan Müller und Albert Scherr auf SozBlog, dem Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Über die Autoren 
Stefan Müller, Professor für Bildung und Sozialisation unter Bedingungen sozialer Ungleichheiten an der Frankfurt University of Applied Sciences, Forschungsbereich ‚Gesellschaftliches Erbe des Nationalsozialismus‘.
Albert Scherr war Professor am Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg und ist Research Fellow an der University of the Free State, QuaQua Campus, South Africa.

Kurze Textzusammenfassung; Hinweis: Zur genauen Erschließung der Argumentation -> vollständiger Text

Seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gilt die Ablehnung von Rassismus als Bestandteil moderner Selbstverständnisse. Dennoch bleibt die Frage offen, wie Rassismus wirksam kritisiert werden kann, ohne Analyse durch Moralisierung zu ersetzen. Rassismus tritt in unterschiedlichen, kontextabhängigen Formen auf, und auch Rassismuskritik kann vereinfachend wirken. Daher bedarf es sozialwissenschaftlicher Klärungen, die sowohl Rassismus als auch seine Kritik untersuchen. Rassismuskritik ist gesellschaftlich situiert und keine externe Intervention. Historisch zeigt sich dies etwa bei Kant oder in den Zusammenhängen von Sklaverei, Rassismus und Abolitionismus. Ziel ist es, diese Konstellationen sichtbar zu machen und ahistorische Verkürzungen zu vermeiden.

Situierungen von Rassismus und Rassismuskritik

Rassistische Hierarchien müssen begründet werden, wenn sie nicht als „selbstverständlich“ gelten. Schon in der europäischen Eroberung Amerikas waren Sklaverei und Rassismus umstritten; Las Casas kritisierte sie religiös innerhalb eines christlichen Weltbildes. Gegenwärtige Debatten kommen meist ohne religiöse Begründung aus, doch können theologische Argumente weiterhin wirksam sein, etwa in der Kritik von Papst Franziskus, die innerhalb kirchlicher Kontexte besondere Relevanz besitzt.

Damit wird deutlich: Rassismen und Rassismuskritiken hängen von jeweiligen Hintergrundüberzeugungen (religiös, politisch, wissenschaftlich) ab. Eine auf Argumente setzende Kritik muss deshalb an die Überzeugungen der Adressat:innen anschließen können, um überzeugend zu wirken.

Problematisierungsweisen von Rassismus

Rassistische Klassifikationen entwickelten sich seit dem 16. Jahrhundert im Zusammenhang von Expansion, Sklavenhandel und Kolonialismus. Lange Zeit wurde die Existenz von „Rassen“ auch in kritischen Positionen vorausgesetzt. Die UNESCO betonte 1950 die Einheit der Menschheit, empfahl aber bereits, eher von „ethnischen Gruppen“ zu sprechen. Heute gilt im sozialwissenschaftlichen Konsens: „Rassen“ existieren nicht als klar abgrenzbare biologische Kollektive, sondern nur als Vorstellungen in rassistischen Deutungen.

Daraus ergeben sich zwei Grundrichtungen: (1) Kritik, die „Rassen“ als gegeben annimmt und die durch Rassismus legitimierten Verhältnisse angreift, und (2) Kritik, die die rassische Klassifikation selbst als Kern des Problems zurückweist.

Problematisierungen von Rassismus, welche die Existenz von „Rassen“ als Sachverhalt voraussetzen

a) Rassismus als Legitimation extremer Ausbeutung und gewaltsamer Herrschaft (Las Casas; Haitianische Revolution).
Kern: Offenkundige Verletzungen grundlegender moralischer Prinzipien sind nicht zu rechtfertigen.

b) Rassismus als Legitimation sozialer Ungleichheit und Anlass für Gleichstellungsforderungen (Du Bois; Races Congress; Martin Luther King).
Kern: Diskriminierung widerspricht der Idee gleicher Rechte und Freiheiten.

c) Rassistische Klassifikationen als wissenschaftlich unhaltbare biologistische Erklärung (Max Weber).
Kern: Biologische Erklärungen sozialer Verhältnisse sind empirisch nicht belegbar.

d) Rassismus als weiße, westliche Herrschaft (Malcolm X; identitätspolitische/postkoloniale Varianten).
Kern: Selbstermächtigung im Kampf gegen Vorherrschaft, teils mit Distanz zu universalistischen Begründungen.

Problematisierungen der rassischen Klassifikation

e) Kritik der biologischen Rassekonstruktion als ideologisches, naturwissenschaftlich nicht tragfähiges Schema (Lévi-Strauss).
Kern: „Rasse“ erklärt weder Kultur noch Hierarchien plausibel.

f) Kritik des Kulturrassismus als Ersatz des delegitimierten Biologismus (Miles; Taguieff; Rommelspacher u.a.).
Kern: „Kultur“ wird als Substitut für „Rasse“ genutzt; kulturdeterministische Erklärungen werden zurückgewiesen. Zugleich bleibt umstritten, wie kulturelle Unterschiede wissenschaftlich sinnvoll zu fassen sind.

Herausforderungen einer reflexiven Rassismuskritik heute

Reflexive Kritik muss Rassismus und Rassismuskritik gemeinsam analysieren: Wo Rassismus existiert, existiert historisch auch seine Kritik. Vier aktuelle Herausforderungen werden hervorgehoben:

  1. „Struktureller Rassismus“: Der Begriff wird wissenschaftlich, medial und politisch genutzt, oft aber diffus. Während heutige Gesellschaften nicht in dem Sinne rassistisch „konstitutiv“ organisiert seien wie etwa in Jim-Crow- oder Apartheid-Regimen, können Diskriminierungen sehr wohl aus Regeln, Routinen und Institutionen entstehen. Nötig sind präzise empirische Analysen, wo und wie Praktiken zu Benachteiligung führen – auch ohne explizit rassistische Zielsetzung.
  2. Binäre Täter-Opfer-Schemata: Aktivistische Übersetzungen in „Weiße vs. Schwarze/PoC“ können vereinfachen. Problematisch wird dies u.a., wenn Jüdinnen und Juden pauschal als „weiß“ markiert werden und so islamistische Gewalt oder israelbezogener Antisemitismus als „antikolonial“ legitimiert werden können.
  3. Bezug zu post-rassistischen Transformationen: Diskutiert wird, ob Rassismuskritik Teil einer Transformation globaler Ungleichheiten ist, die mit meritokratischen Ideologien einhergeht und tradierte rassistische Einteilungen als Störfaktor betrachtet.
  4. Ersetzung von Analyse durch Moral: Wenn moralische Eindeutigkeit empirische und theoretische Arbeit verdrängt, gehen Differenzierungen verloren. Wirksame Rassismuskritik braucht Auseinandersetzung mit konkreten Formen und Legitimationen von Rassismus und darf nicht voraussetzen, dass alle dieselben moralischen Prämissen teilen. In politischer Bildung zeigt sich: Sanktion und Beschämung können Regeln vermitteln, aber nicht zwingend Einsicht. Überzeugende Kritik muss an Weltbilder und Überzeugungen der Adressat:innen anschließen.

Zum Schluss wird betont: Für politische, rechtliche und pädagogische Strategien gegen Rassismus sind fortgeführte sozialwissenschaftliche Analysen zentral – sowohl zur Erklärung bestehender Rassismen als auch dazu, wie antirassistische Überzeugungen und Praktiken in denselben Strukturen nachhaltig entstehen können. Moralisierung allein hilft dabei nicht.

Textzusammenfassung: Stefan Applis (2025)

Abbildung: SozBlog (2025)