Untersuchung von Schulbuchinhalten, Lehr- und Rahmenplänen (u.a. Geschichts-, Religions- und Ethiklehrwerke) und Vorstellungen von Lehrkräften nach einer differenzierten und gegenwartsbezogenen Darstellung
Ziel der von Jan Düsterhöft (Leibnitz-Institut für Bildungsmedien) und Prof. Dr. Riem Spielhaus (Georg-August-Universität Göttingen) im Auftrag der Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung, Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung Berlin durchgeführten Studie ist war die Sichtung und Analyse von an Berliner Schulen verwendeten Unterrichtsmaterialien im Hinblick auf die darin enthaltenen Islambilder und die Darstellung von Muslim*innen.
Die Studie wird Lehrpersonen empfohlen, die sich in ihrem Unterricht (u.a. Geschichte, Geographie, Ethik, Religion, Politik und Sozialkunde) mit islambezogenen Themenstellungen auseinandersetzen und interessiert daran sind, Wertschätzung und gesellschaftliche Diversität zu fördern, Stereotype und Diskriminierung kritisch zu reflektieren und die dafür benötigten Kompetenzen zu vermitteln auf Grundlage einer kritischen Betrachtung von u.a. Lehrplan- und Schulbuchinhalten.
Zusammenfassung zentraler Ergebnisse
In den sowohl für Berlin als auch bundeslandübergreifend zugelassenen Schulbüchern für die untersuchten Fächergruppen ließen sich die folgenden vier Themenkomplexe identifizieren, die Angehörige islamischer Glaubensgemeinschaften vor allem „als disruptive Elemente dar[stellen], welche die Normalität des Alltags in Frage stellen, wobei „[d]ifferenzierte Darstellungen innermuslimischer Auseinandersetzungen mit Extremismus, Radikalisierung und Terrorismus sowie Ablehnungen von Gewalt aus muslimischer Perspektive […] bisher einen selteneren Topos in Schulbüchern [darstellen]“(Düsterhöft & Spielhaus 2024, 89):
- Extremismus und Sicherheit
- Konflikte und Probleme
- Veränderung von Muslim*innen
- Diskriminierung, Islam- und Muslimfeindlichkeit
Hinweis: Die Zusammfassung zentraler Ergebnisse der Studie wird im Folgenden in Ausschnitten wiedergegeben; empfohlen wird aber nachdrücklich die Studie im Ganzen zu rezipieren, da sie ihre Ergebnisse anhand konkreter Schulbuchausschnitte, Lehrplanpassagen oder anderer zugelassener Bildungsmaterialien veranschaulicht. Anhand der Beispiele kann so die Darstellung islambezogener Themenstellungen in selbst verwendeteten Schulbüchern und anderen Bildungsmaterialien kritisch betrachtet werden und es können ggf. alternative Vorgehensweisen in der Unterrichtsgestaltung entwickelt werden, indem den Empfehlungen, die von den Autor*innen am jeweiligen Beispiel gegeben werden, u.a. zur Erweiterung von Aufgabenstellungen, gefolgt wird.
„Wiederkehrende Topoi sind dabei Kopftuch, Moscheebau, Klassenfahrt, Terroranschläge, Salafismus, Dschihad und Extremismus. Muslimische Frauen erscheinen als passiv, etwa in Fotografien, die sie von hinten am Beckenrand sitzend oder stehend zeigen und damit gesichts- und namenlos. Im Kontrast dazu stellen andere Fotos sie aber auch in seltenen Fällen als die Betrachtenden anschauend und aktiv dar oder stellen sie namentlich vor. Ein weiterer Topos ist Islam als gewaltvoller oder grundsätzlich demokratiefeindlicher Faktor. Er entsteht, wenn einzelne Texte oder Doppelseiten unzureichend zwischen Islam und religiös begründetem Extremismus unterscheiden oder wenn in einzelnen Schulbüchern die Thematisierung von Extremismus, Demokratiefeindlichkeit oder Menschenrechtsverstößen in Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit bei gleichzeitigem Fehlen anderer Themen mit Islambezug dominiert. Differenzierte Darstellungen innermuslimischer Auseinandersetzungen mit Extremismus, Radikalisierung und Terrorismus sowie Ablehnungen von Gewalt aus muslimischer Perspektive in Text und Bild bilden bisher einen selteneren Topos in Schulbüchern, der allerdings geeignet ist, sowohl islamistischen als auch islamfeindlichen Narrativen entgegenzuwirken.“ (Düsterhöft/Spielhaus/Shalaby 2023: 46)
„Die wiederkehrende Behandlung von Debatten um Klassenfahrten, Schwimmunterricht, religiöse Bekleidung oder religiös motivierte Speiseregeln stellt Islam und Musliminnen als disruptive Elemente dar, welche die Normalität des Alltags in Frage stellen. Insbesondere in Politikschulbüchern finden die in Nachrichtenmedien dominierenden Debatten und Diskurse zu Islam und Musliminnen durch Abdruck ganzer oder gekürzter Zeitungsartikel Eingang. Sie dienen der Darstellung aktueller Kontroversen. Häufig wird das nachrichtenmediale Islambild nicht durch entsprechende Aufgabenstellungen kritisch hinterfragt oder eingeordnet. Die den kontroversen Positionen in Zeitungsdebatten zugrundeliegenden Annahmen bleiben damit unhinterfragt als „Schulbuchwissen“ über Islam und Musliminnen bestehen. Einige Schulbücher für Politik/Sozialwissenschaften/Sozial-kunde, Ethik und den Religionsunterricht schildern Diskriminierungen und Gewalt gegen Musliminnen, häufig in Form von Anfeindungen gegenüber Kopftuchträgerinnen. Die Passagen fokussieren jedoch primär Motive und Handlungen der Täterinnen, wobei Betroffene passiv dargestellt sind und ihre Perspektiven unberücksichtigt bleiben. Das Potenzial dieser Schilderung zur Auseinandersetzung mit der Gesetzeslage, mit Beratungsangeboten und mit Handlungsoptionen bleiben damit ungenutzt. Inhaltliche Auseinandersetzungen, inklusive der Einordnung von Begrifflichkeiten wie Islam- und Muslimfeindlichkeit oder antimuslimischer Rassismus sowie deren Definition, erfolgen in keinem der untersuchten 127 Schulbücher. Trotz der curricularen Vorgabe zu Entstehung und Umgang von Islamophobie im Ethikrahmenlehrplan von 2015 begrenzt sich die Thematisierung in den untersuchten Ethikschulbüchern auf drei Erwähnungen und Nennungen in drei unterschiedlichen Schulbüchern, die ebenfalls keine inhaltliche Vertiefung nach sich ziehen. Die explizite Nennung von Islamophobie im Lehrplan für das Fach Ethik führt also nicht zu einer ausführlichen Behandlung in Schulbüchern. […] Bemerkenswert jedoch sind – und hier unterscheiden sich die für Berlin konzipierten Schulbücher nicht von denen für andere Bundesländer – die große Häufigkeit und der Umfang von Passagen, die sich mit Islam und Musliminnen befassen, obwohl diese im Lehrplan nicht vorgesehen sind (Düsterhöft/Spielhaus/Shalaby 2023: 46).
„Auch wenn […] Handreichungen mit dem Anspruch auf Kultursensibilität und Multiperspektivität gestaltet sind, verfolgen sie einen problemzentrierten Ansatz, der muslimische Schüler*innen und Eltern als potenziell disruptiv für den Schulalltag versteht und daher das Aufzeigen von Möglichkeiten für den Umgang mit ihnen nötig macht. Die Handreichungen differenzieren dabei kaum die Heterogenität der muslimischen Bevölkerung […], sondern konstruieren sie als Gemeinschaft, ungeachtet ihres Religionsverständnisses, ihrer Lebensweise, ihrer Her-kunft, ihres sozialen Status‘ oder der vielen anderen Faktoren, die ihr (Inter-)Agieren in der Schule ausmachen können. Diskriminierungserfahrungen und Gewalt gegen Muslim*innen werden dabei äußerst selten einbezogen und als mögliche Dynamik anerkannt, wie es beispielsweise Publikationen von ufuq.de aufzeigen. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der untersuchte Materialkorpus kein homogenes Islambild enthält. Nicht nur variieren die Darstellungen durch unterschiedliche Schwer-punktsetzungen innerhalb der Fächergruppen, Jahrgangsstufen und Publikationen der Bildungsmedienverlage, sondern mitunter innerhalb der unterschiedlichen Kapitel desselben Schulbuchs: Während einige Passagen den Themenbereich religions- und kultursensibel aufbereiten, kann sich dasselbe Schulbuch an anderer Stelle stereotyper, exkludierender oder verandernder Sprache bedienen. Die Teilnehmenden einer im ersten Halbjahr 2023 durchgeführten Onlinebefragung Berliner Lehrkräfte berichten von Diskussionen der Schülerinnen über Schulbuchinhalte und formulieren Kritik und Bedarfe in Bezug auf Schulbücher und ergänzende Bildungsmedien. So wünschen sie sich einen stärkeren Gegenwarts- und Lebensweltbezug, empowernde Darstellungen für muslimische Lernende, gelungene Beispiele für das Zusammenleben und die Thematisierung innermuslimischer Vielfalt in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien.“ (Düsterhöft/Spielhaus/Shalaby 2023: 47)
Handlungsempfehlungen
„Die Ergebnisse der Sichtung von Lehrplänen und Schulbüchern, Handreichungen und ergänzenden Unterrichtsmaterialien sowie der Befragung von Lehrkräften für das Land Berlin bilden die Grundlage für die folgenden Empfehlungen für Lehrpläne, Schulbücher und den Umgang mit Inhalten von Bildungsmedien. Sowohl in Islamdarstellungen der Vergangenheit als auch der Gegenwart weisen Schulbücher, Handreichungen und ergänzende Unterrichtshilfen einen Fokus auf Konfliktthemen auf, die sich durch eine Diversifizierung der Themenfelder mit Islambezug in Lehrplänen und Bildungsmedien ausgleichen ließe. Kurz gesagt, sollte Islam nicht nur im Kontext von Konflikten behandelt werden. Aber auch die Behandlung von Konfliktthemen bietet Potenziale. So wäre das Aufzeigen innermuslimischer Vielfalt in Lebensweisen und Islaminterpretationen, politischen Einstellungen und Positionen in Konflikten geeignet, die Auseinandersetzung mit Extremismen zu stärken.“ (Düsterhöft/Spielhaus/Shalaby 2023: 48)
Während aktuelle Schulbuchdarstellungen den Eindruck erwecken könnten, allein der Islam stelle die Gegenwartsgesellschaft vor neue Fragen in Bezug auf Religion, stellt er doch bei Weitem nicht die einzige Religion dar, die zur Pluralität Berlins beiträgt. Fragen und Herausforderungen, vor der Politik und Gesellschaft angesichts der Diversifizierung von Weltanschauungen und Lebensentwürfen stehen, gehören gleichfalls in Schulbücher.“
Bild: Jan Düsterhöft & Riem Spielhaus (2024). Wissensvermittlung zum Islam und Islambilder im schulischen Unterricht. Berlin. https://www.ufuq.de/online-bibliothek/wissensvermittlung-zum-islam-und-islambilder-im-schulischen-unterricht-eine-expertise/
Text: Jan Düsterhöft & Riem Spielhaus (2024). Wissensvermittlung zum Islam und Islambilder im schulischen Unterricht. Berlin. https://www.ufuq.de/online-bibliothek/wissensvermittlung-zum-islam-und-islambilder-im-schulischen-unterricht-eine-expertise/
Time for change. 😉
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