Einige validierte Grundprinzipien zum unterrichtlichen Einsatz von KI
Der folgende Beitrag auf mdr-Wissen trägt Ergebnisse zu Bedingungen eines gelingenden Einsatzes von KI im Unterricht vor, die aus einer 2025 erscheinen Stude zweier britischer Unterrichtsforscher*innen formuliert wurden; diese Empfehlungen stehen in der Tradition kritisch-konstruktivistischer Lehr-Lern-Theorien und wenden sich stark gegen im Schulwesen immer noch verbreiteten Vorstellungen von Schule als Vermittlerin von Inhaltswissen.
Im heutigen Unterricht steht häufig die Suche nach der einen richtigen Antwort im Mittelpunkt. Stoff wird erklärt, Aufgaben werden bearbeitet, Lösungen kontrolliert. Schülerinnen und Schüler nutzen, wenn möglich, generative KI oft als Abkürzung: Sie geben eine Frage ein und erhalten einen fertigen Text, der ohne eigenen Denkprozess übernommen werden kann. Genau darin sehen der britische Bildungsforscher Rupert Wegerif und seine Kollegin Imogen Casebourne ein zentrales Problem. In einer neuen Veröffentlichung argumentieren sie, dass Lernen dadurch verarmt – nicht, weil KI schlecht wäre, sondern weil sie falsch eingesetzt werde. (mdr-Wissen, 2025)
Wegerif und Casebourne kritisieren, dass KI häufig als Werkzeug für Effizienz und Ergebnisoptimierung verstanden wird. Aus ihrer Sicht ist das ein Missverständnis. Entscheidend sei nicht, ob KI schneller oder besser formulieren kann, sondern ob sie dazu beiträgt, Denkprozesse zu erweitern. Unterricht müsse den Schwerpunkt verlagern: weg vom Abarbeiten definierter Aufgaben, hin zu offenen Fragen und zu einer Lernkultur, die Ungewissheit zulässt. (mdr-Wissen, 2025)
Zusammenfassung zentraler Ergebnisse
Was ist bereits zu diesem Thema bekannt?
- Der Aufstieg generativer KI, insbesondere großer Sprachmodelle, birgt sowohl Chancen als auch Herausforderungen für den Bildungsbereich.
- Während bestehende Forschungsergebnisse das Potenzial der KI zur Unterstützung personalisierten Lernens durch intelligente Tutorsysteme hervorheben, bestehen zugleich Bedenken hinsichtlich möglicher negativer Auswirkungen auf das kritische und kreative Denken der Schüler.
- Frühere Studien haben darauf hingewiesen, dass die Bildungstheorie mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten muss, doch es wurde bisher wenig unternommen, um einen pädagogischen Rahmen zu formulieren, der den umfassenderen gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen des KI-Zeitalters gerecht wird.
Was dieser Artikel beiträgt
- Der Beitrag von Wegerif und Casebourne schlägt eine doppelte dialogische Pädagogik als theoretische Grundlage für die Integration von KI in die Bildungsgestaltung vor.
- Er ordnet die aktuellen Entwicklungen im Bereich der KI in einen historischen und philosophischen Kontext ein und stützt sich dabei auf die Dialogtheorie und das Konzept des Pharmakon, um zu argumentieren, dass KI weder von Natur aus nützlich noch schädlich ist, sondern vom pädagogischen Rahmen abhängt.
- Der Beitrag leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Fachgebiets, indem er KI-gestütztes Lernen ausdrücklich mit der Bildung für kollektive Intelligenz verknüpft und konkrete Beispiele dafür liefert, wie KI sowohl dialogisches Lernen als auch die Einbindung in langfristige kulturelle Dialoge unterstützen kann.
Implikationen für die Praxis und/oder Politik
- Der Beitrag von Wegerif und Casebourne schlägt vor, dass sich die Bildungspraxis von der Fokussierung auf den individuellen Wissenserwerb hin zur Förderung kollektiver Intelligenz durch dialogische Pädagogik verlagern sollte.
- Politische Entscheidungsträger und Pädagogen werden ermutigt, KI-gestützte Lernumgebungen zu gestalten, die die gemeinsame Problemlösung und die kritische Auseinandersetzung mit realen Herausforderungen, wie denen des Anthropozäns, fördern.
- Bewertungsrichtlinien sollten neu bewertet werden, um gemeinsames Forschen und ethisches Denken zu belohnen, anstatt die individuelle Wiedergabe von Inhalten.
- Diese Neukonzeption positioniert Bildung als einen wichtigen Faktor für die Selbstregulierung auf planetarischer Ebene und das Gedeihen der Menschheit angesichts technologischer und ökologischer Umbrüche.
Studienauswahl (Open Access)
Text: Stefan Applis (2025) unter engem Bezug auf die angeführten Studien und den betreffenden Beitrag auf mdr-Wissen (2025)
Bild: OpenAI (2025)
Literatur
Wegerif, R., Casebourne, I. (2025): A dialogic theoretical foundation for integrating generative AI into pedagogical design, British Journal of Educational Technology. https://doi.org/10.1111/bjet.70026
Ng, D. T. K., Wu, W., Leung, J. K. L., Chiu, T. K. F., & Chu, S. K. W. (2024). Design and validation of the AI literacy questionnaire: The affective, behavioural, cognitive and ethical approach. British Journal of Educational Technology, 55(3), 1082-1104. https://doi.org/10.1111/bjet.13411
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