Letzthin wurde auf doinggeoandethics das Sachbuch Beim nächsten Wald wird alles anders. Das Ökosystem verstehen (2021) von Hans Jürgen Böhmer empfohlen. Eine passende Ergänzung im Rahmen einer Beschäftigung mit Wald ist zudem die filmische Dokumentation der Regisseurin Lisa Eder über den Naturpark Bayerischer Wald, die aktuell in den Kinos läuft (und ab Mai 2022 auf DVD erhältlich sein wird).

In Der wilde Wald steht eine ähnliche Debatte zur nachhaltigen Perspektive auf die deutsche Flora im Zentrum wie im o.g. Buch. Die Bäume des 1970 gegründeten Naturparks nahmen in den 1990er Jahren durch mehrere Orkane schwere Schäden und wurden dann Opfer einer Borkenkäferplage. Die politischen Kontroversen um den Naturpark, in deren Verläufen Initiativen von Bürger*innen einerseits das Nichteingreifen gegen den Käfer und das „Sterbenlassen“ des Waldes verdammten, zugleich andere Gruppen von Bewohner*innen aus dieser Region dieses Vorgehen der Parkleitung in Schutz nahmen, wird zu Beginn des Films nachgezeichnet. In dieser Einführung zeigt sich die ökologische, aber auch die ökonomische Sprengkraft, die das eiserne Gesetz, nicht einzugreifen, für sich beansprucht bzw. die dagegen aufgebracht wird.

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Die Regisseurin Lisa Eder, die selbst in der Region aufgewachsen ist, identifiziert sich mit dem ökologischen Gesetz, indem sie ihrem Film den Untertitel Natur Natur sein lassen gibt. Nach der Einführung stellt Eder deshalb den Erfolg dieser Strategie ins Zentrum. Zwar wundert man sich bei Wanderungen durch die Region noch immer über die vielen toten Baumstümpfe, doch diese werden merklich durch neues Grün umwuchert, was im Laufe des Films durch zahlreiche Expert*innen als erfolgreicher Verjüngungsprozess des Waldes kommentiert wird. So betonen eine deutsche Philosophin und eine US-amerikanische Waldforscherin jeweils die Bedeutung dieser Wildnis. Diese verleiht den Räumen unberührter Natur nicht zuletzt auch mythische und ästhetische Qualitäten (vgl. auch die Arbeit Gisela Kanglers, einer Angestellten am Bayerischen Landesamt für Umwelt, zu einer natursensiblen Raumtheorie), die Eder auf berührende, aber nicht kitschige Weise in Bild und Ton einfängt. Ein jeder Prozess zur Wildnis sei eine langfristige Entwicklung, die dem Wald auf Dauer gut tun werde, während jene Kritik daran eine verkürzte Perspektive sei, die oft lediglich durch egozentrische Ansprüche motiviert würde. Zum fünfzigsten Jubiläum der Gründung des Naturparks portraitiert Eder den Bayerischen Wald mit grandiosen Bildern, die immer wieder mit wohldosierten Informationen zu diesem Ökosystem gerahmt werden. Ihr 90-minütiger Film ist aufgrund dieser ausgeglichenen Konzeption, aber vor allem toller Bilder dieses Ortes – dem größten geschützten Wald in Mitteleuropa – ein Genuss.

Zusätzlich sei an dieser Stelle ergänzend erwähnt, dass Nationalparks auch in der Debatte um das Anthropozän eine wichtige Funktion einnehmen. Natur Natur sein lassen könnte geradezu als ein Credo dieses Ansatzes gelten, das dadurch gestützt wird, dass Eders Film anhand eines konkreten Beispiels dessen Erfolg hervorhebt. Auch andere Denker*innen, die sich um die Umwelt und das Klima sorgen, unterstützen diesen Ansatz. Exemplarisch sei Jens Soentgen erwähnt, der am Ende (vgl. S. 130-135) seines Essays Ökologie der Angst (2018) die Bedeutung der Nationalparks betont, die behilflich seien, Flora und speziell der Fauna angstfreie Rückzugsorte zu bieten. Insofern sind sowohl der Film von Eder als auch der Essay von Soentgen zwei wichtige Beiträge zu dem neuen Themenfeld Tier-Raum-Mensch auf diesem Blog, die sich sehr gut kombinieren lassen – sei es zur individuellen Fortbildung und zum eigenen Genuss, sei es zur gemeinsamen Arbeit in der Schule oder an der Universität.

Text: Florian Wobser (2021)

Bilder: „Der Wilde Wald“ (2021, Lisa Eder)