Digitale Bildung an Schulen soll nicht nur auf lernpsychologischen und fachdidaktische Überlegungen gründen

Die «Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK)» berät die KMK u. a. bei der Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›» (2016), indem sie diese über den aktuellen Forschungsstand zu Fragen der digitalen Bildung auf dem Laufenden hält. Eine am 7. Oktober 2021 veröffentlichte Stellungnahme der SWK zur KMK-Strategie fokussiert entsprechend der Zusammensetzung ihrer Autor*innen vor allem lernpsychologische und didaktische Forschungsbeiträge. Wissenschaftler*innen aus u. a. der Medienpädagogik, der Bildungsinformatik, der kulturellen und politischen Bildung, der Medienethik, der Kindergesundheitsforschung und der Techniksoziologie sehen dies kritisch. Mit einem Positionspapier fordern diese deshalb eine ernst gemeinte Berücksichtigung aller vielfältigen Befunde sowohl in der Kommission als auch in der politischen Strategieentwicklung.

Stellungnahme der Ständigen wissenschaftlichen Kommission der KMK (2021) zur KMK-Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘ (2016)
Positionspapier zur Stellungnahme zur KMK-Strategie ‚Bildung in der digitalen Welt‘

Für Praktiker*innen in der Schule lohnt eine Auseinandersetzung mit den zentralen Thesen, da darin – unter Bezug auf Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung – einigen Bedenken Ausdruck verliehen wird, die von Lehrkräften seit langem vorgebracht werden vor dem Hintergrund von Digitalisierungsinitiativen, die sich vor allem auf den Ausbau von Hard- und Software-Voraussetzungen konzentrieren.

Zentrale Thesen

  1. Medienbildung sowie kritisch-reflexiver Umgang mit digitalen Bildungstechnologien lassen sich nicht auf Skills und Anwendungskompetenzen reduzieren.
  2. Es braucht eine Demystifizierung der ‹Potenziale› digitaler Technologien und eine differenzierte Sicht auf Chancen und Problemfelder.
  3. Der Ausbau der Vermessung von Bildung ist kein Konsens!
  4. Die Rolle und der wachsende Einfluss der IT-Wirtschaft im Bildungsbereich müssen kritisch reflektiert und transparent gemacht werden.

Man kann das Positionspapier unterstützen, indem man sich unter folgendem Link in ein Formular einträgt: https://unblackthebox.org/positionspapier-zur-weiterentwicklung-der-kmk-strategie/

1. Medienbildung sowie kritisch-reflexiver Umgang mit digitalen Bildungstechnologien lassen sich nicht auf Skills und Anwendungskompetenzen reduzieren.

Die Autor*innen kritisieren, dass vor allem Anwendungskompetenzen digitaler Technologien in den Fokus gerückt werden und Forderungen, Lehrkräfte zu qualifizieren für didaktische Aufgaben, die mit der Anwendung digitaler Technologien verbunden sind – der Bildungsauftrag von Schulen gehe aber weiter. Um Lehrkräfte nicht alleine zu lassen mit diesen Aufgaben, müssten medienpädagogische Studien- und Weiterbildungsinhalte als Grundqualifikationen einbezogen werden, was fachdidaktische Ausbildung allein aber nicht leisten könne. So blieben „zentrale wissenschaftliche sowie von breiten Bündnissen getragene bildungswissenschaftliche Positionspapiere der letzten Jahre zu einer weiter gefassten Definition von (Medien-)Bildung in der digitalen Welt bzw. zum kritisch-reflexiven Umgang mit digitalen Technologien unberücksichtigt“ (u.a. Stellungnahmen der GMK, der DGfE-Sektion Medienpädagogik, der AG Medienkultur und Bildung der GfM zum Entwurf der KMK-Strategie, sowie das Frankfurt-Dreieck – vgl. Literaturhinweise).

Abb. 1: Frankfurt-Dreieck​ zur Bildung in der digital vernetzten Welt (Quelle: https://www.keine-bildung-ohne-medien.de/frankfurter-dreieck/)

Alle diese Papiere plädieren zumindest für die Gleichwertigkeit eines Lernens über Medien gegenüber einem Lernen mit Medien, d. h. für ein Verständnis von ‹digitaler Welt›, das deutlich über eine technisch-informatische Sichtweise hinausreicht und etwa auch kulturelle und ökonomische Dimensionen umfassen muss. Schließlich betonen diese Papiere nachdrücklich kreativ-ästhetische, kritisch-reflexive und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen mit digitalen Technologien, die im Papier der Ständigen wissenschaftlichen Kommission ausgeblendet sind.

Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt› (2021, S. 3)

2. Es braucht eine Demystifizierung der ‹Potenziale› digitaler Technologien und eine differenzierte Sicht auf Chancen und Problemfelder.

Digitalisierung von Bildung werde, so kritisieren die Autor*innen in ihrem Positionspapier, zu oberflächlich als ein Reservoir an Chancen dargestellt (u. a. bessere Möglichkeiten des individuellen Lernens, der selbstständigen Lernprozesssteuerung und Lernfortschrittskontrolle, automatisierter Diagnostik, des individualisierten Feedbacks und der Motivationssteigerung, der Optimierung von Schulentwicklung und (datenbasierter) Qualitätsentwicklung und -sicherung durch automatisierte Datenrückmeldungen inklusive graphischer Aufbereitung relevanter Daten, vgl. «Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›», S. 20f.).

Zahlreiche Stimmen aus der Wissenschaft plädieren inzwischen jedoch ganz klar und empirisch fundiert für eine realistischere Einschätzung dessen, was digitale Technologien leisten können und was nicht. Die Rede von ‹Potenzialen› ist nicht mit faktischen positiven Wirkungen zu verwechseln und bedarf einer Demystifizierung. Daher wird gefordert, bei der Bewertung der Nutzen digitaler Technologien die mit dem Einsatz verbundenen Risiken und nicht-intendierten Effekte systematisch(er) mit einzubeziehen.

Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt› (2021, S. 4)

So seien außerhalb pädagogischer Kontexte entwickelte algorithmische Entscheidungssysteme oftmals nicht pädagogisch fundiert (genug) oder (ausreichend) adaptierbar. Auch führe eine Gamifizierung digitaler Lernumgebungen wohl zu kurzfristiger Motivation von Kindern, reproduziere aber Belohnungssysteme wie sie z. B. in sozialen Medien eingesetzt werden mit dem Ziel die Nutzer*innen zu binden: „In diesem Zusammenhang irritiert es umso mehr, dass in der Stellungnahme der ständigen wissenschaftlichen Kommission auch der frühkindliche Bildungsbereich umfassend ausgestattet werden und sich für digitale Technologien öffnen soll“ (vgl. «Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›», S. 24).

Deswegen sei es vielmehr nötig, in der Lehrkräfteaus- und -fortbildung Leitlinien einer kritisch-reflexiven Nutzung bzw. Gestaltung digitaler Technologien in Bildungungsprozessen systematisch zu verankern.

(vgl. die Ausführungen von H.-E. Tenorth in ‚Bildung für die digitale Zukunft‘, Böll-Stiftung 2018)

3. Der Ausbau der Vermessung von Bildung ist kein Konsens!

Das Positionspapier kritisiert weiter die Perspektive der Stellungnahme, nach der ein Monitoring digitaler Kompetenzen sowie der digitalen Schulentwicklung (vgl. Input-Prozess-Output-Modellierungen als Grundlage von Schulentwicklung) wissenschaftlicher «Konsens» sei. In diesem Zusammenhang wird noch einmal auf die von wissenschaftlicher Seite vorgebrachte Kritik hingewiesen, dass die diagnostische Perspektive der Kompetenzorientierung in den Schulen zu einem Anstieg von Prüfungsaufgaben und damit einem Anstieg von Kontrollperspektiven geführt habe; da die quantitative Vermessung von Leistung Aufgaben einer bestimmten Art bevorzuge, bleiben damit auch schwerer vermessbare Bereiche eines eigentlich breiteren Bildungsauftrages von Schulen außen vor (u. a. künstlerische, soziale, demokratische Kompetenzen, vgl. auch die Diskussionen zur ‚Zeitgemäßen Prüfungskultur‘).

Eine solche Darstellung «evidenzbasierter Bildungssteuerung» verkennt jedoch die tatsächliche wissenschaftliche Umstrittenheit dieser wachsenden, v. a. quantitativen Vermessung von ‹Bildungsprozessen›, etwa, weil hiermit zahlreiche, empirisch inzwischen umfassend erforschte Folgen und Nebenwirkungen einhergehen, die die Idee von Bildung nicht nur verengen, sondern Bildungsprozessen auch nachhaltig schaden können.

Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt› (2021, 5)

4. Die Rolle und der wachsende Einfluss der IT-Wirtschaft im Bildungsbereich müssen kritisch reflektiert und transparent gemacht werden.

Die Autor*innen kritisieren deutlich, dass die Notwendigkeit einer «systematischen Kooperation» auch mit der Wirtschaft – insbesondere mit Software-Unternehmen – zur Entwicklung digitaler Lehr-Lern-Umwelten und ihrer Integration in den Fachunterricht ohne Reflexion der damit verbundenen problematischen Seiten erfolgt. Stattdessen müssten Bedenken und Analysen ernst genommen werden zum Vormarsch privatwirtschaftlicher IT-Firmen und zur Problematik globaler IT-Monopole im Bildungsbereich, welche „Formen eines digitalen Kapitalismus bzw. Daten- und Überwachungskapitalismus (…), die Ausbeutung persönlicher Datenprofile und eine massive Kommerzialisierung von Lebenswelten und auch Bildungsorten“ kritisch reflektieren (vgl. auch Digitale Bildung als Geschäftsmodell, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2017).

Unterstützt von bildungspolitischen Leitlinien und Netzwerken hat dies im öffentlichen Bildungsbereich dazu geführt, dass privat-wirtschaftliche IT-Firmen unter dem Label ‹digitale Bildung› erheblichen Einfluss an Schulen gewonnen haben. Hier sind dringend Massnahmen nötig, die Grenzsetzungen für privatwirtschaftliche Firmen im öffentlichen Bildungsbereich deutlich benennen, eine Qualitätssicherung von Bildungsmaterialien gewährleisten, die Entwicklung Offener Digitaler Bildungstechnologien systematisch fördern und eine interdisziplinär gestaltete Grundbildung Medien für alle pädagogischen Fachkräfte in Studium und Fort-/Weiterbildung verankern.

Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt› (2021, S. 5)

Text: Stefan Applis (2021), zusammenfassende und ergänzende Darstellung der zentralen Thesen aus dem «Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›». MedienPädagogik, (Statements and Frameworks), 1–7.

Bild: Designed by vectorjuice / Freepik

Positionspapier

Braun, T., Büsch, A., Dander, V., Eder, S., Förschler, A. , Fuchs, M., Gapski, H., Geisler, M., Hartong, S., Hug, T., Kübler, H.-D., Moser, H., Niesyto, H., Pohlmann, H., Richter, C:, Rummler, K. & Sieben, G. (2021): «Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›». MedienPädagogik, (Statements and Frameworks), 1–7.

Zitierte Literatur

BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung (2010): «Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur – Medienbildung für die Persönlichkeitsentwicklung, für die gesellschaftliche Teilhabe und für die Entwicklung von Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit». Herausgegeben von Bundesministerium für Bildung und Forschung. Bonn/Berlin. https://web. archive.org/web/20200812220800/http://www.dlr.de/pt/Portaldata/45/Resources/a_do-kumente/bildungsforschung/Medienbildung_Broschuere_2010.pdf.

Brinda, T., Brüggen, N., Diethelm, I., Knaus, T., Kommer, S., Kopf, C., Missomelius, P., Leschke, R., Tilemann, F: & Weich, A. (2019): «Frankfurt-Dreieck zur Bildung in der digital vernetzten Welt. Ein interdisziplinäres Modell».

Brüggen, N., Bröckling, G. & Wagner, U. (2017): Bildungspartnerschaften zwischen Schule und außerschulischen Akteuren der Medienbildung. Herausgegeben von Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e. V. Berlin.

GfM – Gesellschaft für Medienwissenschaft (2016): «Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft ‹Medienkultur und Bildung› der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) zum Entwurf der Strategie der Kultusministerkonferenz ‹Bildung in der digitalen Welt›». Herausgegeben von GfM AG Medienkultur und Bildung.

GMK – Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (2016): «Stellungnahme der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) zum Strategie-Papier der KMK ‹Bildung in der Digitalen Welt›».

KMK – Kultusministerkonferenz (2012): «Medienbildung in der Schule». Herausgegeben von Kultusministerkonferenz. 08.03.2012.

KMK – Kultusministerkonferenz (2016): «Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz». Herausgegeben vom Sekretariat der Kultusministerkonferenz.

Schmoll, Heike (2021): «Der bloße Einsatz digitaler Medien ist noch kein Fortschritt». Frankfurter Allgemeine Zeitung. 07.10.2021.

Sektion Medienpädagogik der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) (2016): «Stellungnahme zum Entwurf einer Strategie der Kultusministerkonferenz ‹Bildung in der digitalen Welt›».

Sektion Medienpädagogik der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) (2017): «Orientierungsrahmen für die Entwicklung von Curricula für medienpädagogische Studiengänge und Studienanteile». MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung (Statements and Frameworks).

SWK – Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (2021): «Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›». 07.10.2021. Bonn/Berlin.

Wiarda, J.-M. (2021): «Was shoppen wir da eigentlich?». 07.10.2021. https://www.jmwiarda.de/2021/10/06/artikelh%C3%BClle/.