Flucht über das Mittelmeer – Diskussionen über Menschenrechtsverstöße der Europäischen Agentur Frontex

Der EU-Agentur Frontex wurde bereits seit 2013 immer wieder vorgeworfen, in sogenannte Pushbacks verwickelt zu sein, d. h. Flüchtlinge, die nach Europa, z. B. nach Griechenland wollen, auf dem Meer abzudrängen und illegal, z. B. in die Türkei zurückzuschicken. Frontex stritt immer wieder eine Beteiligung an solchen Vorgängen ab, eine gemeinsame Recherche des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“, dem „Spiegel“ und den Medienorganisationen „Lighthouse Reports“, „Bellingcat“ und dem japanischen Fernsehsender „TV Asahi“ hat allerdings im Herbst 2020 solche Praktiken nachgewiesen (vgl. Hofmann 2020).

Niemand weiß genau, wie viele Tausend Menschen bisher bei dem Versuch ums Leben gekommen sind, auf überfüllten Fischerbooten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (FRONTEX) steht in diesem Zusammenhang vielfach in der Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Die operativen Einheiten von FRONTEX, die über eigene Hubschrauber, Boote und Grenzschützer verfügen, sollen mehrfach Boote abgedrängt und Flüchtlinge mit Gewalt zum Umdrehen gezwungen haben. Diese hätten aber nach europäischer Rechtsprechung auch auf hoher See das Recht, Asylanträge zu stellen. Warum aber machen sich Menschen auf den Weg und verlassen ihre Herkunftsländer unter großen Risiken?

Stefan Applis (2019). Konfliktrohstoff Coltan – die Lebenslinienmethode. Klett Terrasse-Online.

Der folgende Unterrichtsvorschlag geht dieser Frage nach am Beispiel einer fiktiven Person: Augustin aus Kisangani in der Demokratischen Republik Kongo lebt vom Kleinbergbau in einer der Minen im Os­ten des Landes. Die Minen werden kontrolliert von örtlichen Milizen und Warlords. Diese nehmen Geld von den Arbeitern am Ein- und Ausgang der Minen. So bleibt den Arbeitern nur wenig von ihrem Verdienst, wenn sie nach stundenlangen Märschen durch den Dschungel die Erze an den entlegenen Ankauf­stellen abliefern. Augustin lebt mit seiner Frau Ana und zwei Söhnen in der an der Mine gelegenen Siedlung. Als sich die Bedingungen verschlechtern, fasst Augustin den Entschluss, sich auf die lange und gefährliche Reise nach Europa zu begeben. Das Unterrichtsmaterial wurde innerhalb mehrerer Fortbildungen mit Geographie- und Ethiklehrkräften entwickelt; es steht zum Download über Klett-Terrasse-Online zur Verfügung.

Hintergrund/Wissen

Die Lebenslinienmethode

Moralische Fragestellungen werden nicht nur explizit, sondern auch implizit durch ein unmittelbares Berührtwerden erfahren. Dies wirft die Frage nach Kompetenzen auf, die dieses Berührtwerden und die damit verbundenen Sachfragen organisieren – im Umgang mit sich selbst und im Umgang mit den vielfältigen Erscheinungsformen dessen. Lehrkräfte werden im Unterricht z. B. mit Äußerungen von Empörung, Interesse, Gleichgültigkeit etc. konfrontiert werden, sobald ein Raum eröffnet wird, in welchem wertbezogene Haltungen oder moralische Orientierungen explizit zum Thema werden, die in der Regel unreflektiert das alltägliche Handeln bestimmen.

Die Lebenslinienmethode (engl. fortune lines) eröffnet solche Räume. Sie stammt aus einer Richtung der angelsächsischen Unterrichtsforschung, die in der Geographiedidaktik als „Thinking-Through-Geography“-Ansatz (Leat 1998; Vankan 2003) bezeichnet wird. Sie ist stark mit dem Ziel der Förderung von Beurteilungs- und Bewertungskompetenz verknüpft.

Mit der Methode sollen die Schüler*innen Gefühls- und Stimmungslagen von Akteuren innerhalb von ethisch und geographisch relevanten, chronologisch geordneten Ereignissen nachvollziehen, indem sie diese Ereignisse in ein Achsenkreuz auf einer Lebensgefühl-Skala eintragen. Somit stellen Lebensliniendiagramme einen Zusammenhang her zwischen geographischen Ereignissen oder Sachverhalten und dem, wie Personen diese bewerten (vgl. Schuler 2013). Um sich die damit verbundenen auch affektiven Orientierungen bewusst zu machen, müssen Schülerinnen und Schüler den gegebenen abstrakten Fakten Bedeutungen zuweisen, indem sie ihre eigenen Alltagserfahrungen miteinbeziehen. So sind gleichermaßen Einbildungskraft, Fähigkeit zum Perspektivwechsel, Argumentations- und Entscheidungsfähigkeit auf Seiten der Lernenden gefordert. Ein großer Vorteil wird im Realitätsbezug dieser Methode gesehen. Sie wird der Gruppe der Methoden zugeordnet, die als „Lebendiges Diagramm“ bezeichnet werden (vgl. Schuler 2013, Leat 1998). Diese sollen verdeutlichen, dass sich hinter Zahlen und Graphen zahlreiche Fragen und Antworten über Lebenssituationen konkreter Menschen verbergen.

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Quelle: Stefan Applis (2019): Konfliktrohstoff Coltan – die Lebenslinienmethode. Klett Terrasse-Online.

Sympathie ist eines der Prinzipien, die den Menschen dazu bestimmen, am Schicksal anderer Anteil zu nehmen. Dies ergreift uns Menschen auf ganz natürliche Weise, wenn wir uns vorstellen, was wir selbst wohl in der gleichen Lage fühlen würden. Dabei ist von Bedeutung, dass das Mitleid weniger aus dem Anblick eines Affektes am anderen entspringt als aus dem Anblick der gesamten Situation, die den Affekt am anderen auslöst. Je mehr ein Betrachter die Ursachen des Affektes also zu beschreiben und zu begründen vermag, desto mehr wird er erwägen, was er selbst wohl fühlen würde, wenn er in die gleiche Lage versetzt wäre.

In der Auseinandersetzung mit der Lebenslinienmethode im vorliegenden Beispiel werden durch die Anregung der Einbildungskraft Gefühle evoziert („Was wäre, wenn …?“) und im Austausch mit anderen diskursiv entfaltet. Zudem wird durch die Ausrichtung der Einbildungskraft hin auf einen fremden Kontext Folgendes erfahrbar: Gefühle sind universal, verändern sich aber auch und sind zugleich kulturell verschieden, denn sie hängen davon ab, wie sie von den Mitgliedern einer Gesellschaft aufgefasst werden.

So fangen die Schüler*innen etwa im vorliegenden Beispiel unwillkürlich an, darüber zu diskutieren, ob Augustin, die Hauptfigur, manches Leid weniger stark empfinden wird als sie selbst, weil er mehr leidvolle Erfahrungen machen musste. Ist es dadurch aber auch gerechtfertigt, dass er mehr leiden können muss? Hier eröffnet sich eine Vielzahl an Fragestellungen, die kontrovers diskutiert werden können.

Im Einzelnen können die folgenden Zielstellungen formuliert werden, die den Umgang mit den erlebten Gefühlen in der Arbeit mit der Lebenslinienmethode moderieren können (vgl. Breun 2001). Es gilt,

  • Gefühle und emotionale Vorgänge altersgemäß zu versprachlichen und zu differenzieren,
  • Gefühlsausdrücke ins Verhältnis zu setzen zu Situationen (Kontextualisierung),
  • die Differenz zwischen „Gefühl haben“, „Gefühl ausdrücken und darstellen“ und „Gefühl versprachlichen“ zu kennen und zu begreifen, um unpassende Gefühle beurteilen und ggf. Distanz zu nehmen und diese verändern zu können,
  • Gefühle anderer wahrzunehmen, zu respektieren und nicht mutwillig zu verletzen,
  • historische und kulturelle Unterschiede im Gefühlsleben kennenzulernen,
  • die bewertende Funktion von Gefühlen (auch im Moralischen) kennenzulernen,
  • einen produktiven Umgang mit Gefühlen zu lernen, was einschließt, ein Verständnis für deren Vieldeutigkeit zu gewinnen.

Es ist anzuraten, die Schülerinnen und Schüler während der Durchführungsphase zu beobachten. Die Auseinandersetzung mit der Aufgabe, sich in die Lage verschiedener Personen mit fremden Lebensumständen zu versetzen, ruft erfahrungsgemäß intensive Diskussionen hervor. Die Lehrkraft sollte nachfragen, wenn größere Unstimmigkeiten auftreten, und unterstützten, damit die Gruppen herausfinden können, woher unterschiedliche Einschätzungen und Bewertungen herrühren könnten. Die Beobachtungen sollten auch zum Thema in einer Nachbesprechungsphase gemacht werden.

Stefan Applis (2019). Konfliktrohstoff Coltan – die Lebenslinienmethode. Klett Terrasse-Online.

Text: Stefan Applis (2021)

Bild: Pixabay (lizenzfrei ohne Bildnachweis); Klett Terrasse (2018)

Literatur:

Applis, S. (2019). Konfliktrohstoff Coltan – die Lebenslinienmethode. Klett Terrasse-Online: https://www.klett.de/alias/1130351 (20.3.2021)

Breun, R. (2001): Zur „Logik des Herzens“ und ihrer Didaktik. Ethik & Unterricht (EU), H. 1, S. 27−33.

Deutschlandradio (2013): Frontex gibt Menschenrechtsverletzungen zu, http://www.deutschlandradio.de/frontex-gibt-menschenrechtsverletzungen-zu.331.de.html?dram:article_id=265564 (21.3.2021)

Hoffmann, H. (2020). Frontex in illegale Pushbacks verwickelt. SWR 23.10.2020. https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/frontex-pushbacks-101.html (21.3.2021)

Reiche, M. (2021). EU will Vorwürfe gegen Frontex prüfen. MDR. https://www.mdr.de/nachrichten/welt/politik/frontex-eu-untersuchungsausschuss-menschenrechtsverletzungen-fluechtlinge-100.html (21.3.2021)

Schuler, S. (Hrsg.) (2013): Diercke Methoden 2. Braunschweig, S. 70−91.

Vankan, L. (2003): Towards a New Way of Learning and Teaching in Geographical Education. International Research in Geographical and Environmental Education 12(1), S. 59−63.

Weiterführende Leseempfehlung/Hintergrundwissen zum Verhältnis von Emotionen und Handlungen:

Emotionen scheinen eine besonders enge Beziehung zu Handlungen oder Verhaltensweisen zu haben. Dass das ein Allgemeinplatz ist, legen unzählige Redewendungen nahe, die wir im Deutschen im Alltag benutzen: Wir erstarren vor Angst, platzen vor Wut, strahlen vor Freude usw. Auch das eigene Erleben emotionaler Zustände legt diese enge Beziehung nahe. Wir fühlen uns oft in einem emotionalen Zustand gewissermaßen gedrängt, uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten, manchmal sogar so stark, dass wir den Eindruck haben, gar nicht anders zu können, als uns in dieser Weise zu verhalten…

Christiana Werner (2019). Emotionen und Handlungen. prae|faktisch. Ein Philosophie-Blog.

Mögliche Ausweitung: Balkanroute – Pushbacks durch Frontex?

Immer mehr Migrant*innen in Griechenland versuchen, über Albanien nach Westeuropa zu gelangen. Viele berichten von illegalen „Pushbacks“ auf die griechische Seite der Grenze – unter Beteiligung der EU-Grenzschutzagentur.

Bilder und Geschichten von Menschen: Deutsche Welle (2021). Balkanroute: Pushbacks durch Frontex? https://www.dw.com/de/fluechtlinge-auf-der-balkanroute-pushbacks-durch-frontex/a-56133590 (21.3.2021)