Didaktisch-methodische Überlegungen

In der vorgeschlagenen Einheit geht es um den Blick auf wichtige Nachhaltigkeitsstrategien und ihre gegenseitige Ergänzung. Bereits in der Unterstufe kann dies über ein lebensnahes Beispiel geschehen. Eingebettet wird dieses übergeordnete Fragen in der zweiten Teilstunde dann in weitere (Teil-)Lösungsstrategien, um immer wieder deutlich zu machen, was schon getan wird und um positive Impulse zu setzen. Diese Strategien sind auf zwei verschiedenen Ebenen angesiedelt. Einerseits werden Zukunftsideen auf globaler Ebene betrachtet und damit der politische Bereich, zum anderen werden erneut konkrete Maßnahmen von verschiedenen Akteuren (Unternehmen, Konsumenten) auf unterschiedlichen Maßstabsebenen (global, lokal) betrachtet. Dies soll innerhalb eines Gallery-Walks geschehen, der methodisch etwas abgewandelt wird. Die Lösungsansätze sollen nicht erarbeitet werden, sondern sie sind in einer Galerie ausgestellt. Sie sollen aber von den Schüler*innen faktisch und ethisch hinterfragt werden, zum einen in Bezug auf ihre Reichweite und zum anderen in Bezug auf ihre Auswirkungen in anderen Teilen der Welt. Es geht darum, kritisches Denken und Urteilskompetenz zu entwickeln.

Plastik im Meer (Teil I): Plastik aus Meer und Flüssen fischen
Plastik im Meer (Teil II): folgt 

Gegenstand der Betrachtung: Eine Kette, hergestellt aus alten Fischernetzen

Ein Schmuckstück, z. B,. in Form einer Kette, kann der Lerngruppe als realer Gegenstand oder auch als Foto präsentiert. Damit wird an den bisherigen Problemkomplex „Bedrohung des Ökosystems Meer“ angeschlossen. Die Kette stellt ein Ergebnis der Umsetzung eines konkreten Lösungsvorschlages dar: Man kann sie selbst basteln aus Fundstücken am Meer, sie wird aber auch von Firmen angeboten, die solche Ketten herstellen. Auf diese Weise sollen die Schüler*innen langsam in Konzepte der Nachhaltigkeit und weitere Lösungsstrategien herangeführt werden. Im weiteren Verlauf der vorgeschlagenen Einheit betrachten und reflektieren die Schüler*innen innerhalb eines Gallery-Walk weitere Lösungsstrategien.

Vorgeschlagener Unterrichtsverlauf

Zu Beginn kann der Lösungsansatz Schmuck aus alten Fischernetzen anzufertigen mit dem Ziel der Beseitigung von Plastikmüll im Meer, vorgestellt werden, wie eben dargestellt über die Präsentation eines eigenen Objektes oder über Bilder z. B. der Website der Organisation Bracenet. So kann ein Einstiegsgespräch in das Thema der Unterrichtseinheit anmoderiert werden.

Mögliche Leitfragen und Arbeitsaufträge: Erste Betrachtung des Lösungsansatzes
1. Wie wird die Kette gemacht? Stelle Vermutungen an.
2. Nenne Bedrohungen der Meere, auf die die Kette hinweist
3. Ist der Kauf dieser Kette aus alten Fischernetzen nachhaltig?
a) Nimm Stellung zu dieser Frage.
b) Erläutere, was du unter „nachhaltig“ verstehst

Im folgenden Erarbeitungsschritt kann die Kette in eine Geschichte eingebettet werden, die nahe an der Erfahrungswelt der Kinder ist:

Ihr seid auf die Feier von Charlotta eingeladen. Sie wünscht sich von euch als Gemeinschaftsgeschenk eine Fußkette. Sie wünscht sich eine Kette in ihrer Lieblingsfarbe grün. Das Wichtigste ist ihr, dass die Kette nachhaltig hergestellt sein soll. Ihr habt 20 Euro zur Verfügung, um eurer Freundin eine Fußkette zu kaufen. Mit eurer Suche „Fußkette nachhaltig“ im Internet findet ihr diese Fußkette mit folgender Produktinformation:

Mögliche Leitfragen und Arbeitsaufträge: Bewertung des möglichen Geschenks
1. Klärt gemeinsam die zum Produkt gegebenen Informationen.
2. Gebt eine erste Einschätzung dazu ab, ob ihr für diesen Fall die Kette kaufen würdet oder nicht.
3. Ordnet in Partnerarbeit die Kriterien nach ihrer Wichtigkeit und vergebt Punkte für den Wert, den ihr zuordnen würdet.
3. Vergleicht eure Ergebnisse in der Klasse und begründet eure Bewertung.
4. Besprecht die Notizen einer Schülerin, die ihre Überlegungen mit Hilfe des Nachhaltigkeitsdreiecks angestellt hat.
5. Ordnet in Partnerarbeit die von euch angestellten Überlegungen den einzelnen Feldern der Nachhaltigkeit zu und bedenkt die in der ersten Beurteilungsrunde von euch vergebenen Punkte: Wo kommt ihr zu neuen Bewertungen? Wo bleiben eure Bewertungen gleich? Warum?

Alle weiteren Arbeitsschritte dienen der Reflexion der fortschreitenden Überlegungen und ggf. vorzunehmenden Änderungen der Positionierung.

Mögliche Leitfragen und Arbeitsaufträge: Stufen nachhaltigen Konsums 
1. Bringt in Partnerarbeit die möglichen Handlungen aus der folgenden Abbildung in eine begründete Reihenfolge, indem ihr sie einer Position auf der Pyramide zuordnet (wenig nachhaltig -> Spitze der Pyramide; am nachhaltigsten -> breite Basis der Pyramide) 
2. Vergleicht eure Ergebnisse und diskutiert Unterschiede.
3. Ordnet begründend den Kauf einer Kette für Charlotta einer Stufe zu.
Mögliche Leitfragen und Arbeitsaufträge: Nachhaltigkeit und Verpackung und Versand eines Konsumgutes  
1. Auch die Verpackung muss betrachtet werden, wenn man fragt, wie nachhaltig ein Produkt ist. Wie müsste die Verpackung bei der Fußkette nachhaltig gestaltet sein? Entwerft in Partnerarbeit auf einem Papier eine nachhaltige Verpackung und beschreibt die Materialien, die verwendet werden sollen.
2. Ein klimaneutraler Versand wird unter den Angaben zur Fußkette für Charlotta angeführt. Was bedeutet das? Findet es bis zur nächsten Stunde heraus.
3. Wähle aus den fünf abgebildeten Zielen für eine nachhaltige Entwicklung, diejenigen aus, die bei diesem Produkt wichtig sind.
Mögliche Leitfragen und Arbeitsaufträge: Systemische Zusammenhänge betrachten  
1. Überlege, wer noch etwas tun könnte, um die Verschmutzung der Meere zu verringern: Erinnere dich zurück an das Everwave-Projekt. Was oder wen würdest du noch in der Abbildung ergänzen?
2. Ethische Reflexion: Welche Akteure sind im System beteiligt? Wer trägt am meisten Verantwortung? Verfasse eine kurze Stellungnahme zu dieser Frage. Tausche dich im Anschluss mit anderen über deine Positionierung aus.

Gallery-Walk

Die Schüler*innen betrachten den Teil einer Ausstellung zu „Lösungsideen saubere Meere“. Die Materialien sind gestellt und können im Klassenzimmer präsentiert werden, u. a. durch den Einsatz von PCs oder Survaces, auf denen Videos angesehen werden können; für jedes der unten vorgeschlagenen Lösungsansätze gibt es eine Fülle frei verfügbarer Materialien. Die Schüler*Innen machen ihren Rundgang und notieren sich wichtige Aspekte auf ihrem Notizzettel. Es geht darum, die Lösungsansätze faktisch und ethisch zu befragen. Die Lösungsansätze selbst sind einfach zu verstehen, aber die dahinterliegende Fragestellung ist komplex.

Die Grundfrage, die sich die Schüler*innen bei den Lösungsbetrachtungen stellen sollen, ist: Wie nachhaltig (systemisch gedacht und ethisch nachgefragt) und wirkungsvoll ist das jeweils vorgeschlagene Konzept tatsächlich, weltweit gesehen? Geht es nur mit Verboten oder geht es auch noch anders oder brauchen wir beides? Zudem löst nicht eine Lösung alle Probleme, sondern die Kombination der Lösungen ist entscheidend, um die komplexen Probleme zu lösen.

Hintergrund der Auswahl der Lösungen ist, dass nicht nur verschiedene Akteure handeln und verschiedene Maßstabsebenen betrachtet werden, sondern auch, dass jede Lösung an verschiedenen Ansatzpunkten ansetzt, damit aber an verschiedenen Teilen des Systems, was auch zum Teil wieder Probleme aufwirft. In jeder Lösung ist also ein „aber“ enthalten, das es zu entdecken gilt.

Hierz soll die folgende Karte ausgefüllt werden, mit Hilfe derer die jeweilige Problemlösung reflektiert wird; die Lösungsvorschläge werden darauf eingetragen (vgl. Lösungsvorschlag unten):

Lösungsansatz 1: Plastik verbieten – Afrika ist der Vorreiter

Seit 2008 gibt es in Ruanda ein komplettes Plastiktütenverbot. Jeder der mit einer verbotenen Tüte erwischt wird, muss eine Strafe zahlen. Das wird auch an den Grenzen kontrolliert und Plastiktüten beschlagnahmt. Ruandas Hauptstadt Kigali gilt seit der Zeit als sauberste Stadt Afrikas und wurde von den Vereinten Nationen ausgezeichnet. Auch bei der Einreise in das Land wird genau hingeschaut. Es werden Plastiktüten an der Grenze beschlagnahmt. Die Tüten werden aber z.T. illegal mit hohen Preisen gehandelt. Seit der Zeit folgen immer mehr afrikanische Länder dem Beispiel: z. B. Mauretanien 2014, Marokko 2016, Kenia 2017, Tansania 2019. In Kenia, Ruanda und Tansania kann man bei einem Verstoß gegen das Verbot aber auch im Gefängnis landen.

Bild: Bundesregierung Quelle: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/einwegplastik-wird-verboten-1763390

Seit dem 3. Juli 2021 dürfen in der EU (= Europäischen Union) kein Einwegbesteck und Einweggeschirr, keine Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballonstäbe aus Plastik mehr produziert werden. Es wird auch Wegwerfgeschirr- und – besteck aus biologisch abbaubaren Kunststoffen verboten oder Einwegteller aus Pappe, die mit Kunststoff überzogen sind. Erlaubt bleiben aber Wegwerfprodukte aus oder mit Kunststoff wie Feuchttücher und Wegwerfgetränkebecher. Sie bekommen aber ein Kennzeichen, das vor Schäden durch Plastik warnt und über die richtige Entsorgung informiert.

Lösungsansatz 2: Luffa-Gurken als Küchenschwämme

Mögliche ergänzende Leitfragen/Arbeitsaufträge zur Filmbetrachtung
1. Was haben die Schwämme mit den Meeren zu tun? 
2. Geht es noch nachhaltiger als der Kauf von Schwämmen aus Luffa-Gurken? Hast du eine Idee? 
3. Was passiert mit der Nachhaltigkeit, wenn die Schwämme in Spanien produziert werden? 
4. Wie würdet ihr für eine begrenzte Fläche entscheiden: Anbau von Luffa-Gurken oder essbaren Gurken? 
5. Warum muss ich fragen, wieviel Wasser die Gurken verbrauchen Luffa-Schwämme oder Lappen aus alten Bettlaken? Was ist nachhaltiger?

Lösungsansatz 3: Eine App gegen Plastikmüll

Eine App gegen Plastikmüll: Mit ihr kannst du den Barcode von Produkten scannen, die deiner Meinung nach zu viel Plastikverpackung haben. Die App formuliert dann eine Mail, die nach 20 Beschwerden über das gleiche Produkt an den Hersteller geschickt wird.

User der App können anderen Usern der App zu den Produkten, besser verpackte Alternativen vorschlagen. Die Replace-Plastic-App kannst du dir kostenlos auf dein Handy herunterladen.

Auswertung des Gallery-Walks

Zur Auswertung des Gallery-Walks werden die Lösungskarten verglichen. Dies kann über eine übliche analoge oder digitale Präsentationsform geschehen. Wichtig ist es anhand der eigenen Karte zu überprüfen, ob noch zusätzliche Notizen gemacht oder über das Ziehen von Pfeilen Zusammenhänge kenntlich gemacht werden können. Anschließend sollen die Maßstabsebenen des Handelns besprichen werden, wie in der unten stehenden Lösungshilfe zu sehen ist (Wer agiert hier: sind es Unternehmen, Konsumenten, die Politik? Entfalten sich die Wirkungen auf lokaler oder globaler Ebene?) Die faktische und ethische Komplexität wird anschließend reflektiert. Hierzu müssen ggf. noch weitere Informationen gegeben werden. Im Falle der Luffa-Gurken kann z. B. besprochen werden, mit welchen ethischen Fragen der Anbau von Gurken in Agrarregionen wie Südspanien, in denen unter hohem Wassereinsatz und prekären Arbeitsbedingungen statt Lebensmitteln nun „Schwämme angebaut“ noch verbunden ist.

Beispiel einer Karte, in der noch weitere Eintragungen und Pfeile vorgenommen werden könnten:

Text & Unterrichtskonzept: Marie Ulrich-Riedhammer (2021)

Literaturhinweise:

Hoffmann, T. (2018a). TERRA Globale Herausforderungen 1. Die Zukunft, die wir wollen. Stuttgart: Klett.

Hoffmann, T. (2018b). Gerüstet für die Zukunft. Aufgaben des Geographieunterrichts. Praxis Geographie 1, 4-9.

Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer, E.M. (2021). Der Kampf ums Ackerland. Faktische und ethische Komplexität im Kontext der Nachhaltigkeit. Praxis Geographie, 51 (3), 20-25.

Anregungen zur Stufen nachhaltigen Konsums: