Den Wert der Natur berechnen – geht das?

Die US-Professorin Gretchen Daily hat als Umweltwissenschaftlerin den Versuch unternommen, genau dies zu tun. Damit verfolgt sie u. a. das Ziel, weniger an Nachhaltigkeit als am ökonomischen Nutzen orientierte Unternehmen und Regierungen zu überzeugen, dass Umweltschutz auch wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt.

Ihren Namen kennen in Deutschland nur wenige, dabei hat Gretchen Daily erreicht, dass 185 Länder, darunter China, ihr Schutzkonzept, ihre Forschungsergebnisse und ihre Software in die staatliche Umweltpolitik integriert haben.

Gretchen Daily im Interview mit dem SZ-Magazin

In einem Interview für das Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 4. April 2022 erläutert Sie ihre Position.

Begriffe wie „NaturalCapitalProjekt“ oder „Brutto-Ökosystem-Produkt“ klingen zunächst wenig nach „unberührter Natur“ und Ideen vom „Wert der Natur“ als „wertvoll für sich“ oder „wertvoll an sich für den Menschen“. Ökonomische Überlegungen können jedoch auch beim Verfolgen und Erreichen ökologischer Ziele gewinnbringend sein. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht Gretchen Daily davon, dass solche Überlegungen z.B. die chinesische Regierung überzeugen konnten.

[B]eim »Natural Capital Project« handelt es sich um den bahnbrechenden Versuch, die Berechnung dieses Wertes aufgrund von wissenschaftlicher Forschung zu systematisieren und vergleichbar zu machen. Dadurch können nicht nur staatliche Stellen, sondern auch Firmen und Privatpersonen bis hin zum einzelnen Landwirt geplante Maßnahmen in Bezug auf ihre Umweltverträglichkeit durchrechnen.

Gretchen Daily im Interview mit dem SZ-Magazin

Die dahinter stehende Idee, am ökonomischen Kosten-Nutzen-Kalkül orientiertes Handeln umweltverträglicher zu machen und in diesem Sinne moralischer, ist nicht neu, sondern folgt einer etablierten Tradition an Denkfiguren in der Wirtschaftsethik.

Der Gedanke dahinter geht viel tiefer als alle Preisschilder, aber es ist ein Anfang, um zu sagen: Okay, wenn ich die Mangrovenwälder auf der Insel vernichte, kann ich mehr Ferienwohnungen bauen, aber wenn dann die Fischer nichts mehr zu fischen haben und die Hurrikane die Küsten zerstören, kommen auch die Touristen nicht mehr.

Gretchen Daily im Interview mit dem SZ-Magazin

Der Wert der Natur als zentrale Frage im Geographieunterricht – Ethisches Fragen und Lösungsorientierung

In vielen Abwägungsfragen, die im Geographie- oder auch im Ethikunterricht gestellt werden, geht es um die Frage nach dem Wert der Natur: Darf ich einen neuen Komplex an Wohnungen auf einer Fläche bauen, auf der bisher Kleingärten waren? Darf ich einen neuen Skilift bauen und damit in die Natur eingreifen? Inwiefern stellt der Bau eines neuen Staudamms einen zu großen Eingriff in die Natur dar?

Werden solche Fragen innerhalb von Unterrichtsverfahren durchgeführt, bei denen Pro- und Kontraargumente gesammeln und diskutiert werden, stehen an der Tafel am Ende die Argumente in der Regel so geordnet, dass ökonomisches Handeln der Umsetzung ökologischer Zielen entgegen steht. Dieses Ergebnis stellt aber zum einen eine Verkürzung der faktischen und ethischen Komplexität dar, zum anderen ist es für Schüler*innen und auch Lehrkräfte wenig motivierend.

Durch ein gemeinsames Verstehen eines ethischen Problems kann eine dichotome Betrachtung zwar ersetzt werden (vgl. Ulrich-Riedhammer 2018), doch auch innerhalb des Verstehen des ethischen Problems, kommt man immer wieder an den Punkt zu fragen, auf welcher Grundlage Abwägungsprozesse letztlich zu entscheiden seien; Peter Singer führt einen solchen Abwägungsprozess und das Fragen nach dabei relevanten ethischen Prinzipien wie dem nach dem SWert der Natur innerhalb seines Staudamm-Beispiels vor (Singer 1994).

Der Ansatz von Gretchen Daily bietet die Möglichkeit, Ökonomie, Ökologie und auch Soziales im Sinne eines Nachhaltigkeitsansatzes zusammenzudenken.

China und Costa Rica haben viel gemeinsam. Mitte der Neunzigerjahre hatte China massive Abholzung. Die vernichtenden Überschwemmungen in den späten Neunzigern haben das Land viele Menschenleben und mehr als 35 Milliarden Dollar gekostet, sehr konservativ gerechnet. Wie in Costa Rica hat die Regierung fast über Nacht eine Kehrtwende vollzogen, 120 Millionen Haushalte in das Aufforstungsprogramm integriert und riesige Flächen Ackerland renaturalisiert.

Gretchen Daily im Interview mit dem SZ-Magazin

Der Ansatz von Daily ist also ein lösungsorientierter Ansatz und ist entsprechend anschlussfähig an das von Thomas Hoffmann für die (Geographie-)Didaktik vorgeschlagene lösungsorientierte Vorgehen (Hoffmann 2018 a, b, 2021), bei dem im Unterricht zunächst Lösungen betrachtet werden und erst die Probleme, die dahinterstehen (vgl. die „geoandethics-Beiträge“ im Projekt „Lösungsorientiert Denken – The Future We Want“) . Die theoretischen Überlegungen von Gretchen Daily und die konkreten Beispiele der Umsetzung können somit innerhalb von lösungsorientiert konzipierten Unterrichtseinheiten eingesetzt werden.

Mögliche Ansatzpunkte zur Kritik

Weiterführend können auch kritische Fragen an das Vorgehen von Daily gestellt werden hinsichtlich der Möglichkeiten des Berechnens und hinsichtlich der grundsätzlichen Frage nach der (moralischen) Legitimität solcher Rechnungen: Darf ich etwas einen mehr oder weniger großen Wert zurechnen, was an und für sich als wertvoll gelten kann? Darf ich auf diese Weise bestimmte Arten von Natur gegenüber anderen Arten von Natur abwägen? Und es kann die Frage gestellt werden, was in einer durch den Menschen überprägten Welt überhaupt als „Natur“ oder „natürlich“ bezeichnet werden kann (Laub & Ulrich-Riedhammer 2022) (vgl. den „geoandethics-Beitrag“ von Johanna Amthor, 2021, Der Anthropozentrismus – Grundlegende Überlegungen zum Mensch-Tier-Verhältnis)

Text: Marie Ulrich-Riedhammer (2022)

Bild: Freepics (2022)

Literatur:

Hoffmann, T. (2018a). TERRA Globale Herausforderungen 1. Die Zukunft, die wir wollen. Stuttgart: Klett.

Hoffmann, T. (2018b). Gerüstet für die Zukunft. Aufgaben des Geographieunterrichts. Praxis Geographie 1, 4-9.

Hoffmann, T. (2021). Globale Herausforderungen und SDGs – ein strikt lösungsorientierter Unterrichtsansatz. In A. Eberth & C. Meyer (Hrsg.), Didaktische Ansätze und Bildungsangebote zu den Sustainable Development Goals (S. 33-41). Hannover. https://doi.org/10.15488/11669

Laub, J. & Ulrich-Riedhammer, E.M. (2022). Philosophieren im Geographieunterricht. In E. Nöthen & V. Schreiber (Hg.), Transformative Geographische Bildung. Wiesbaden: Springer Spektrum (im Erscheinen).

Singer, P. (1994). Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart: Reclam.

Ulrich-Riedhammer, E.M. (2018). Die ethische Brille aufsetzen – zur Frage der Förderung ethischen Urteilens im Geographieunterricht. Zeitschrift für Geographiedidaktik, 46 (4), 7-32.