Was bedeutet ‚lösungsorientierte Didaktik‘?

Die lösungsorientierte (Geographie-)Didaktik nach Hoffmann (2018a,b) geht nicht vom Problem aus, sondern von der Lösung. Von dort aus fragt sie dann kritisch, welches Problem damit gelöst wird und ob das hinreichend geschieht. Um dann schließlich erneut nach weiteren und ggf. besseren Lösungen zu suchen. Dahinter steht die Idee zu verdeutlichen, dass Handeln wirksam ist – auch auf individueller Ebene. So wird von Anfang an ein motivierender und nicht frustrierender Denkprozess in Gang gesetzt: Indem nicht zuerst demotivierende Schreckensszenarien (vertrocknete Erde, verschmutze Meere, …) vor Augen geführt werden. Im Folgenden wird versucht, ethisches Fragen in diesem Prozess zu verorten.

Wie kann ethisches Fragen im Geographieunterricht, wie das Behandeln geographischer Themen im Ethikunterricht aussehen?

Die Frage nach der Zukunft, die wir uns wünschen – und die auch an sich bereits als ethische Frage gesehen werden kann – hängt mit der ethischen Frage zusammen, was wir (dafür) konkret tun (sollen). Schließlich soll der Geographieunterricht die „doppelte Komplexität geographischer Themen“ (Mehren et al. 2015b), also die faktische und ethische Komplexität, im Unterricht betrachten:

(nach Mehren und Ulrich-Riedhammer 2021, 24)

Noch einen Schritt weiter kann dann eine ethische Frage in Geographie- und Ethikunterricht folgendermaßen aufgebaut werden:

(nach Mehren und Ulrich-Riedhammer 2021, 24)

Ethisches Fragen in einer lösungsorientierten Didaktik

Fokussiert ethisches Fragen aber nicht immer auf das Problem, statt auf die Lösung? Wenn man etwa Methoden wie die ethische Fallanalyse oder das Dilemma betrachtet, bei der ein problematischer Fall zu lösen ist? Oder ist gerade ethisches Fragen und Urteilen per se lösungsorientiert, da der Fall gelöst werden muss?

Es zeigt sich zunächst, dass dieses Nachfragen an allen Stellen einer lösungsorientierten Didaktik stattfinden kann:

Verortung ethischen Nachfragens in einer lösungsorientierten Didaktik.

  1. Ethisches Nachfragen kann geschehen, wenn es um die Beurteilung einer Lösung geht. Es kann gefragt werden, inwiefern es ethisch vertretbar bzw. gut ist, was hier schon getan wird.
  2. Ethisches Nachfragen kann weiterhin dann geschehen, wenn es um die Problemanalyse geht, indem an die faktische Situationsanalyse eine ethische Analyse angeschlossen wird.

Lösungsorientiertes ethisches Fragen am Beispiel

Hoffmann (2018a) wählt zur Beantwortung der Frage „Welche Meere wollen wir in Zukunft?“ im Unterricht das „Ocean Clean Up-Projekt“ als Ausgangspunkt. Unter der Perspektive einer lösungsortientierten Didaktik würde man an dieser Stelle nun die Lösung des Problems („Ocean Clean Up-Projekt“) unter die Lupe nehmen und kritisch untersuchen: Werden beim Abfischen von Plastik nicht auch sehr viele Mikroorganismen (Neuston), die an der Meeresoberfläche leben mit herausgefischt? Und wie steht es um die Fischeier, die an der Oberfläche abgelegt werden? Die Wissenschaftlerin Rebecca Helm, Meeresbiologin an der University of North Carolina Asheville, sagt beispielsweise Folgendes zu diesem Thema:

„Wir sollten über jede Aktion, die wir im Meer unternehmen, zweimal nachdenken […] In der Natur ist nichts so einfach, wie wir denken, und oft haben wir viel Schaden angerichtet, während wir versucht haben, etwas Gutes zu tun“

Deutsche Welle (2018)

Dieses „zweimal Nachdenken“ bedeutet aber eben gerade auch, den ethischen Fragen nachzuspüren. Denn es geht genau um diese Frage: Was dürfen/sollen wir tun? Oder konkret: Ist es ethisch vertretbar, Müll abzufischen und dafür Mikroorganismen aus dem Meer zu entnehmen? Welche Kriterien sind für die Entscheidung dieser Frage wesentlich?

Hierzu ist im Anschluss eine genaue faktische Analyse wichtig (siehe etwa bei Hoffmann 2018), die analysiert, welche Probleme (grobe Plastikverschmutzung) die angedachte Lösung auf welche Weise löst, welche sie noch nicht löst (Mikroplastik), und inwiefern dadurch nicht neue Probleme entstehen, die wiederum gelöst werden müssen und inwiefern dies insgesamt sinnvoll ist.

Ethische Fragen können darin immer mitlaufen. Wichtig ist aber, die ethischen Fragen als positiv lösungsorientierte Fragen zu stellen.

Beispiel: Darf man zwischen Mikroorganismen und dem Abfischen von Plastikmüll überhaupt abwägen? Ist es nicht ethisch eher gefordert, andere Lösungen (Abfischen des Mülls am Strand, an den Flussmündungen) zu suchen, die früher am Problem ansetzen, um solche Fragen nicht stellen zu müssen? Welche Lösungen gibt es hier bereits (Beispiel: Filter an Gully-Deckeln für Mikroplastik)?

Dazu ein paar sprachliche Weichenstellungen:

Problemorientiert: Klagen über den Zustand der WeltLösungsorientiert: Nachdenken über Ziele und Umsetzungen
„Das ist ungerecht“.„So gestaltet, ist die Produktion gerecht(er).“
Was muss getan werden, damit es ethisch angemessen ist? Was muss getan werden, damit die Welt gerechter wird?Wo und wie wird etwas getan, dass schon ethisch angemessen ist (z. B. etwas, das die Gerechtigkeit im Blick hat)?
Warum ist das ethisch unangemessen?Was daran ist schon ethisch angemessen?
= Suche nach Kriterien zur Beurteilung dessen, was schlecht ist  = Suche nach Kriterien zur Beurteilung dessen, was Gutes geschieht  

Man darf also insgesamt nicht an der Stelle stehen bleiben, an der nur die kritische ethische Prüfung der Lösung erfolgt. Der Fokus muss vielmehr darauf gelegt werden zu fragen, wie eine gute ethische Lösung aussieht und welche Kriterien dafür entscheidend sind. Nur so kann ethisches Fragen auch lösungsorientiert verstanden werden und bleibt nicht am Ende doch bei einer Problemfokussierung hängen.

Text: Marie Ulrich-Riedhammer (2021)

Abbildungen und Tabellen: Marie Ulrich-Riedhammer (2021)

Literaturhinweise:

Asendorpf, D. (2020). Ocean Cleanup: Verschluckt. Die Zeit (11. März 2020). Verfügbar unter: https://www.zeit.de/2020/12/ocean-cleanup-umweltschutz-plastikmuell-muellsammler?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com

Deutsche Welle (o. J.). Plastikmüll im Meer: Zerstören Auffangnetze eines der rätselhaftesten Ökosysteme des Ozeans? Verfügbar unter: https://www.dw.com/de/neuston-plastikflut-bedrohung-meer/a-54524672

Hoffmann, T. (2018a). TERRA Globale Herausforderungen 1. Die Zukunft, die wir wollen. Stuttgart: Klett.

Hoffmann, T. (2018b). Gerüstet für die Zukunft. Aufgaben des Geographieunterrichts. Praxis Geographie 1, 4-9.

Mehren et al. (2015b). Die doppelte Komplexität geographischer Themen. Eine lohnenswerte Herausforderung für Schüler und Lehrer. Geographie aktuell & Schule Heft 216/37, 4-11.

Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer, M. (2021). Der Kampf ums Ackerland. Faktische und ethische Komplexität im Kontext der Nachhaltigkeit. Praxis Geographie 3, 20-25.