Die ‚Transformationsforscherin‘ Maja Göpel – Ein kurzer Überblick

Seit langer Zeit steht die Einführung in das Neu-Denken der Welt aus der Feder der Ökonomin und Nachhaltigkeits- bzw. Transformationsforscherin Maja Göpel auf der Spiegel-Bestsellerliste. Völlig zu Recht! Insofern wundert es nicht, dass Göpels Neuveröffentlichung auf diesem Blog bereits vorgestellt und empfohlen worden ist. Ergänzend dazu soll in diesem Beitrag Göpels Buch in einer kleinen Serie zu weiteren aktuellen Beiträgen der Transformations­forschung in Beziehung gesetzt und die einzelnen Interventionen der Reihe jeweils auch auf spezifische Potentiale für den Unterricht selbst untersucht werden.

Göpel war lange Generalsekretärin des wichtigen Gremiums des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), das auch mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) kooperiert. Neuerdings leitet Göpel das Hamburger New Institute, das seinem Namen insofern gerecht werden soll, indem es ökonomisch und ökologisch auf Neues, d.h. progressive praktische Veränderung in der Gesellschaft abzielen will. In diesem vernetzenden Ansatz liegt auch die große Stärke des Buches von Göpel. Man fragt sich, woher Göpel, die in ihrer Funktion auch eine bedeutende Stimme in Print- und Onlinemedien ist (s.u.), noch die Zeit nimmt, ein solches Buch zu verfassen, in dessen zehn Kapiteln die Komplexität der Gegenwart dem Lesepublikum didaktisch reduziert und rhetorisch brillant präsentiert wird. Göpels Buch ist ein langer Essay, in dem es der Autorin leichtfüßig gelingt, die großen Fragen unserer Zeit (umwelt­- und klimaethische Stichworte des Inhaltsverzeichnisses lauten u.a. Wachstum, Fortschritt, Konsum, Gemeingut, Gerechtigkeit) auf jeweils 15-20 Seiten problemorientiert und anschaulich vorzustellen.

Zum didaktischen Potential der Beiträge von Maja Göpel

Dabei ist Göpel kritisch und bestimmt, aber nur selten – immer da, wo es angebracht erscheint – anklagend. Überwiegend nimmt sie differenzierte Reflexionen und Wertungen vor, zu denen sie gelangt, indem sie zentrale Probleme in kleine Erzählungen integriert, häufig auch im Rückgriff auf ihre Biographie. Dadurch gewinnt das Buch an Zugänglichkeit und ist aus meiner Sicht sowohl zur Information von Lehrer*innen als auch – auszugsweise – zum Einsatz im Unterricht mit Schüler*innen ab dem 9. Jahrgang bestens geeignet. Verknüpft mit einem thematischen Überblick soll diese Einschätzung im Folgenden didaktisch begründet werden

Allgemein gilt, dass Göpel an wichtigen Stellen ihrer Kapitel immer wieder auf philosophisch bzw. ethisch relevante Positionen und Autor*innen Bezug nimmt. Dies gilt sowohl bezüglich des Aufkommens effizienter ökologischer und ökonomischer Zweckrationalität in der Frühen Neuzeit (Galilei, Descartes, Newton; später auch Darwin) als auch für die klassische Ökonomie (Smith, Ricardo u.a.), aber genauso für angrenzende Disziplinen wie z.B. die Psychologie oder das Design. Göpel formuliert gebündelte und doch vielfältige Kritik an der vom Mainstream der Ökonomie angenommenen Hypothese eine homo oeconomicus, indem sie auf einige alternative ökonomische Konzepte wie u.a. skeptische bzw. optimistische Modellierungen der Allmende Garrett Hardins bzw. Elenor Ostroms oder Stephan Lessenichs Theorie der Externalisierung und der Kritik Hartmut Rosas an der kapitalistischen Landnahme eingeht. Sie kritisiert ergänzend das allzu schwache ökonomische Nachhaltigkeitsmodell nach Robert M. Solow oder weist auf paradoxe Schwächen des Wachstumskonzepts hin,  ist aber so umsichtig, diese Mainstreammodelle auch gegen sich selbst zu richten, indem sie betont, dass die Natur mittels ihrer selbst bis zum Jahr 2007 für die Welt jährlich eine ökonomische Dienstleistung von mindestens 125 Billionen Dollar erbracht habe – seitdem nehme diese Summe aufgrund von Umweltschäden ab. Ihre Konsumkritik verknüpft Göpel mit psychologischen Studien und weist beiläufig auf die insbesondere durch Social Media fehlgeleitete Ökonomie unserer Aufmerksamkeit (nach Georg Franck) in unserer Gegenwart hin, die gemäß des früheren Softwareentwicklers Tristan Harris in der Summe geradezu einem human downgrading gleichkomme.

Ihre kritischen Überlegungen ordnet Göpel punktuell sogar in ethische Grundmodelle wie den Utilitarismus nach Bentham (den sie vor gewinnmaximierenden Verkürzungen in Schutz nimmt), Kants Pflichtethik (diese wird verhaltensökonomisch klimaethisch aktualisiert) und die liberale Gerechtigkeitstheorie von Rawls ein. Dabei lässt sie zentrale Konflikte innerhalb des hegemonialen ›Westens‹ (etwa das juristische Spannungsfeld zwischen Staaten und Konzernen) und außerhalb desselben (gezielte postkolonial sensibilisierte Seitenblicke auf die strategische Berechnung der zu geringen Armutsgrenze oder den jüngeren Disput zwischen Macron und Bolsonaro bezüglich des brasilianischen Regenwaldes) nicht aus. 

All diese umsichtigen Aspekte sprechen für die ›Einladung‹ Göpels, die aber eine zur kritischen Selbstverortung ist. Dieser Effekt wird wiederum erreicht, ohne dazu auf ein Shaming and Blaming zurückgreifen zu müssen. Den Leser*innen werden dagegen vielerlei unterschiedliche theoretische Positionierungen wie praktische Aktivitäten – Göpel zählt selbst zu den Gründungsmitgliedern der Scientists for Future, einer Art Solidargemeinschaft mit Fridays for Future – zu ihrer möglichen Identifikation angeboten. Dazu zählt u.a. die Einleitung, in der anekdotisch ein gewaltloser ziviler Ungehorsam in London durch die oft zu pauschal als radikal diskreditierten Aktivist*innen von Extinction Rebellion beschrieben wird. Diese besondere hohe Anschaulichkeit der Einleitung ist zugleich Programm, indem Göpel Bilder nutzt, die nicht allein zum Nachdenken anregen, sondern zugleich einfach interessant sind: So nimmt sie u.a. auf das NASA-Foto Earthrise Bezug, der Ikone der globalen Umweltbewegung; sie beschreibt den sogenannten Rebound-Effekt als ein Ausdruck der Maße und PS vom VW Käfer bis zu heutigen SUVs; sie schildert spannungsreich den Umstand, dass ausgerechnet Wal Mart sich das Patent auf die Entwicklung von Mini-Drohnen gesichert habe, die nach dem Insektensterben als Ersatzbienen dienen könnten u.v.m. So erzeugt man Interesse und kann Menschen auch dazu motivieren, die problemorientierten Ausführungen Göpels immer weiter zu lesen. Dies gilt auch und gerade für junge Menschen bzw. Schüler*innen, die zum Beispiel mittels anschaulicher science-fiction-artiger Miniaturen gewonnen werden und dadurch gerade etwas über ihre Gegenwart[1] und mögliche Zukunft lernen. Am Ende des Buches wird jungen wie älteren Leser*innen das eigene theoretische Urteil und der mögliche Entschluss zum Handeln nicht abgenommen, aber erleichtert, indem Göpel ca. fünf Seiten mit Informationen zu hilfreichen Initiativen, Websites etc. unter der Überschrift Wer weitermachen will anhängt.

Wer didaktisch im Unterricht weitermachen und Göpel audiovisuell zu Wort kommen lassen will, der/die mag ebenso auf Gespräche mit ihr zurückgreifen, in deren Verlauf sie sich bei Jung&Naiv zu weiteren Aspekten ihres Forschungsbereichs äußert (2019) oder bei Jung&Liveden Beginn der Covid-19-Pandemie kommentiert (2020) oder in Sternstunde Philosophie (SRF) (s. o.) zu ihrer Publikation und dazu passenden ergänzenden Kontexten Auskunft gibt (2021).

[1] Es ist als würde sich Göpel nicht nur an der Lebenswelt, sondern auch an mutmaßlichen Rezeptionsgewohnheiten Jugendlicher orientieren oder manche Beispiele so anlegen, dass sie problemlos mit anderen altersgemäßen Medien­formaten zu vertiefen sind. So ist Tristan Harris Protagonist in der Social-Media-kritischen Dokumentation The Social Dilemma (USA 2020; Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=uaaC57tcci0) und Roboterbienen prägen den Plot einer Folge der beliebten medienkritischen Serie Black Mirror (GB seit 2011)mit dem Titel Von allen gehasst (Folge 6, Staffel 3, 2016). Damit könnte ggf. ein mediensensibles Unterrichten im Fach Geographie oder Ethik fortgeführt werden.


Text: Florian Wobser (2021)

Bild: Freepik