Ein Beitrag von Marie Ulrich-Riedhammer

Systemisch Denken – ethisch Fragen

Der Schularten und Unterrichtsfächer übergreifende Bildungsauftrag für nachhaltige Entwicklung hält für den Geographieunterricht viele ethische Fragstellungen bereit. Hier stehen die naturwissenschaftlichen oder gesellschaftwissenschaftlichen Fakten, um die es geht, nicht einfach für sich, sondern sind mit weiteren Fragen in einem komplexen Zusammenhang verbunden. So sind auch ethische Aspekte von Bedeutung, wenn man diesen Fragestellungen nachgeht.

„[Systemisches Denken gilt als] Fähigkeit, einen komplexen Wirklichkeitsbereich in seiner Organisation und seinem Verhalten als System zu erkennen, zu beschreiben und zu modellieren. “

Mehren et al. 2015a

Die Methode des Concept-Mappings wird eingesetzt, um systemisches Denken zu fördern und ist mittlerweile im Unterricht vieler Geographielehrer*innen etabliert. „Concept Maps“ werden auch im Bereich der Messung und Förderung des Systemdenkens im Geographieunterricht eingesetzt. Sie stellen Wirkungsgefüge zur „Erfassung und Veranschaulichung von Zusammenhängen“ (Fögele et al. 2020) dar.


Das System wird in unterschiedlichen Komplexitätsstufen durch das Angeben oder Weglassen von Begriffen dargestellt. Auf den Pfeilen kann die Art der Beziehung angegeben werden.

Im Folgenden soll dargelegt werden, wie der Ansatz des Concept-Mappings für ethisches Nachfragen im Unterricht genutzt werden kann. Denn die ethische Komplexität eines Sachverhaltes oder Wirklichkeitsbereiches kann durchaus im selben didaktisch-methodischen Verfahren erschlossen werden wie die faktische Komplexität (vgl. den Begriff der „doppelten Komplexität“ im Geographieunterricht).

Eine Concept-Maps ethischer Fragen erstellen am Beispiel des Dilemmas des Produktionsprüfers Bernd Weidler

Concept Maps, die die ethische Komplexität eines Wirklichkeitsbereiches zeigen, können grundsätzlich nicht kausal verstanden werden, da die darin abgebildeten Verbindungen nur unter Anwendung ethischer Argumentationen hinterfragt und bewertet werden können – so ist es wichtig bei Fragen zur ethischen Verantwortung des einzelnen, entsprechende ethische Konzepte oder Ethiken zu kennen (vgl. den Beitrag von Anne Burkard zu Fragen des Klimawandels). Dennoch können sie eingesetzt werden, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, die für manche Beobachter*in zuvor im Verborgenen lagen.

Im Folgenden werden zwei Blog-Beiträge verknüpft, die zum Lesen und selbstverständlich zum Ausprobieren empfohlen werden – die dann folgenden „ethische Concept Map“ bezieht sich auf diese Beiträge.

Bernd Weidler ist Produktionsprüfer bei einem großen Mobiltelefonhersteller, in dessen Auftrag er Fabriken von Zulieferbetrieben in der chinesischen Millionenmetropole Chongqing (mit über 30 Mio. Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt der Welt) inspiziert. Bisher gehörte es zu seinen Aufgaben, die Qualität der Elektronikteile und deren Verarbeitung zu überprüfen. Da in letzter Zeit das öffentliche Interesse zu den Themen  „Konfliktrohstoffe“ und „Fair-Trade“ mehr und mehr zunimmt, haben sich Bernd Weidlers Aufgaben in seinem Beruf verändert: Auch auf Druck von Verbraucher- und Nichtregierungsorganisationen („NGOs“) hat Bernd Weidlers Firma ihn beauftragt, nun zusätzlich auch die Herkunft der verwendeten Materialien zu überprüfen. Gerade bei der Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Firmen muss klar sein, wo die verwendeten Rohstoffe herkommen, denn in den USA verbietet der Dodd-Frank Act gesetzlich das Arbeiten mit konfliktbelasteten Stoffen.

In dieser Concept Map sind nicht alle möglichen Pfeile gezogen.

Ein erster Pfeil kann als Impuls bereits auf der Tafel angelegt werden, weitere Pfeile können gezogen werden, um aufzuzeigen, welche ethischen Fragen sich um die Verantwortung des fiktiven Produktionsprüfers gruppieren. Solche „Concept Maps“ können im Unterricht ganz oder teilweise selbst erarbeitet werde, wobei – je nach Bedarf – Felder vorgegeben und andere Felder offen gelassen werden. So kann die ethische Komplexität des Wirklichkeitsbereichs an den Lernprozess der Gruppe angepasst werden.

Tafelanschrift einer Dilemmadiskussion zu Bernd Weidlers Entscheidungsfrage

Die im Rahmen einer Dilemmadiskussion entstehende Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten kann durch das Erstellen einer „Concept Map“ zum einen strukturiert und zum anderen neu gruppiert werden. So kann u. a. deutlich werden, dass die einander gegenüber stehenden Diskussionsgruppen sich oft auf dieselben Werte beziehen, diese jedoch in abweichenden Argumentationen zusammenführen. Die Pfeile zeigen an, welche Frage mit welcher zusammenhängt. Man könnte vorsichtig formulieren, dass sie veranschaulichen, welche Frage aus welcher folgt und deshalb von einer unterrichtlichen „Metareflexion“ (Ulrich-Riedhammer & Applis 2013) sprechen.

Text: Marie Ulrich-Riedhammer (2020)

Bilder: Marie Ulrich-Riedhammer (2020), Stefan Applis (2019)

Literaturhinweise

Fögele, J., Mehren, R. & Rempfler, A. (2020). Wissen vernetzen: Der Einsatz von Concept Maps im Geographieunterricht. Ein Überblick über die Lehr-/Lernforschung. PG 4, 10-14. https://www.researchgate.net/publication/340686245_Wissen_vernetzen_-_Concept_Maps_im_Geographieunterricht

Mehren et al (2015a). Wie lässt sich Systemdenken messen? Darstellung eines empirisch validierten Kompetenzmodells zur Erfassung geographischer Systemkompetenz. Geographie aktuell & Schule Heft 215/37, 4-9.

Mehren et al (2015b). Die doppelte Komplexität geographischer Themen. Eine lohnenswerte Herausforderung für Schüler und Lehrer. Geographie aktuell & Schule Heft 216/37, 4-11.

Ulrich-Riedhammer, E. M. & Applis, S. (2013). Ethisches Argumentieren als Herausforderung. Die Vielperspektivität globaler Fragestellungen dargestellt am Beispiel der Textilproduktion. PG 43/3, 24-29.