Ein Vorschlag zum Einsatz der P-L-U-R-V-Methode im Ethik- oder Geographieunterricht

Der folgende Unterrichtsvorschlag thematisiert die Prüfung und Widerlegung der Argumente von Klimawandelleugner*innen. Diese verbreiten ihre fehlgeleiteten Argumente und Falschinformationen im Internet, wo sie einer breiten Masse durch Bilder, Videos und Texte zugänglich sind. Hier kann es leicht passieren, dass Leser*innen in die Irre geführt werden. Ergebnisse einer aktuellen Sonderauswertung der PISA-Studie von Prof. Dr. Christina Sälzer (2021) besagen, dass mehr als die Hälfte aller 15-jährigen Schüler*innen den Unterschied zwischen einer Meinung und einem Fakt nicht erkennt. Es wird also deutlich, dass ein kritischer Umgang mit Nachrichten und Medien in der heutigen schnelllebigen Welt absolut notwendig ist. Eine exakte Analyse von Information sollte oberste Priorität haben, bevor man zu einem Entschluss kommt.

Die hier dargestellte Stunde wird in ein fiktionales Setting gerahmt und richtet sich an Schüler*innen ab der achten Jahrgangsstufe, kann aber auch in höheren Jahrgangsstufen durchgeführt werden. Für die Durchführung der Stunde ist fundiertes Vorwissen der Schüler*innen zum menschengemachten Klimawandel Voraussetzung. Auch die Kenntnis einfacher Argumentationsstrukturen sowie grundlegendes Vorwissen zur P-L-U-R-V-Methode sind wichtig.

In fünf Expertengruppen arbeiten die Schüler*innen gemeinsam an der Analyse eines Arguments einer PLURV-Methode, welche in einer vom Klimawandelleugner-Onkel vorgetragenen Kontextualisierung dargestellt wird. Hierzu erhält jede Gruppe das entsprechende Arbeitsmaterial, welches das Argument des Klimawandelleugner-Onkels, die Goldene Regel der Widerlegung und Materialien zur Widerlegung der Falschaussage umfasst. In der Expertengruppe gilt es nun das Argument des Onkels zu analysieren und mit Hilfe der ausgehändigten Materialien zu widerlegen. In der Stammgruppe vergleichen die SchülerInnen ihre Ergebnisse und halten diese in Form eines Sicherungsplakates fest.

Im Folgenden kann das Unterrichtsmaterial heruntergeladen werden. Im Anschluss daran findet eine methodisch-didaktische Reflexion, die zugleich einen theoretischen Hintergrund zur Widerlegung von Falschinformationen und der von Dr. John Cook begründeten P-L-U-R-V-Methode darstellt.

Widerlegung von Falschinformationen

Zunächst einmal gilt es im Unterricht die Wichtigkeit der Widerlegung von Falschinformationen zu betonen. Falschinformationen sind jene Informationen, die unabhängig von der Absicht der*des Verbreiters*in in die Irre führen (vgl. Lewandowsky et al., 2020, S.5). Desinformationen hingegen sind falsche Informationen, die mit der Absicht zur Irreführung verbreitet werden. Dieser Gruppe lassen sich auch Fake News zuordnen, die jedoch auf reißerische Art und Weise den Inhalt von Nachrichtenmedien nachahmen. Im Zusammenhang mit Falschinformationen und Desinformationen ist es wichtig, sich den Effekt der anhaltenden Wirkung ins Bewusstsein zu rufen. Obwohl die*der Leser*in eine glaubwürdige Korrektur der Falschinformation vorgelegt bekommt, vertraut sie*er trotzdem noch der zuerst gelesenen Falschinformation oder zweifelt zumindest an einer vollständigen Korrektheit der Information (vgl. ebd.).

Falschinformationen können unkorrigiert in mehrfacher Hinsicht erheblichen Schaden anrichten. Besonders problematisch ist die Tatsache, dass man sich oft in die Irre führen lässt, da die Empfindung von Wahrheit und Vertrautheit miteinander zusammenhängt. Dies bedeutet wiederum, dass man einer Information, je öfter man sie hört, mit steigender Wahrscheinlichkeit Glauben schenkt. Nach Lewandowsky lässt sich das Phänomen als Scheinwahrheitseffekt bezeichnen (vgl. 2020, S.5). Nun lassen sich heute vor allem in Online-Medien wie YouTube oder Twitter Falschinformationen in hoch-emotionalem Ton finden. Die hohe Zahl dergleichen erleichtert die Verbreitung der Falschinformationen und die Verstärkung ihrer Wirkung beim Rezipienten immens. An dieser Stelle kommt der Institution Schule eine wichtige Rolle zu: Es sollte möglichst verhindert werden, dass sich Falschinformationen in den Köpfen der Schüler*innen festsetzen, indem ihnen die nötigen Kompetenzen auf den Weg mitgegeben werden, diese zu erkennen und aktiv sowie kritisch zu widerlegen, um so ihre Verbreitung zu verlangsamen. Die hier relevante Methode, bei der irreführende und manipulative Argumentationsmuster erklärt und verstanden werden können, wird auch inoculation (dt. Schutzimpfung) genannt, da Menschen durch sie gegen weitere Manipulationsversuche gewissermaßen immunisiert werden (vgl. ebd., S.7).

Zur Widerlegung von Falschinformationen sollte eine klare Strukturierung der Gegenargumente eingehalten werden (vgl. Lewandowsky et al., 2020, S.12; Cook, 2020a, S.150). Das Argument der Widerlegung sollte mit dem wahrheitsgetreuen Fakt eingeleitet werden. Als Nächstes sollte der Irrglaube wiederholt werden, jedoch sollte ihm eine Warnung vorangehen, um den Rezipient*innen deutlich zu machen, dass die Information unwahr ist. Die Falschinformation darf auf keinen Fall unkommentiert wiedergegeben werden und sollte im Idealfall nicht mehr als einmal wiederholt werden. Nach der kritischen Formulierung des Irrglaubens sollte die Erklärung des Trugschlusses folgen, bei dem darauf hingewiesen wird, warum die zuvor erwähnte Fehlinformation in die Irre führt, folgen. Zum Abschluss des Widerlegungsarguments sollte auf jeden Fall der Fakt, der bereits zu Beginn des Argumentes genannt wurde, wiederholt werden, da dieser zum Abschluss dem Zuhörer im Gedächtnis bleiben soll. Nach Lewandowsky et. al. ergibt sich so ein Gegenargument in der Struktur Fakt-Irrglaube-Trugschluss-Fakt, was die Verbreitung der Falschinformation deutlich verlangsamen kann (2020, S. 12).

Die P-L-U-R-V-Methode

In der Vergangenheit wurde deutlich, dass Leugner*innen zu verschiedenen Themen wie beispielsweise Klimawandel, Evolution und HIV/AIDS immer die gleichen rhetorischen Techniken und Argumentationsweisen anwenden, um wissenschaftlich bestätigte Fakten zu leugnen. Dr. John Cook (2020) fasste die Methoden der Desinformation zum englischen Akronym FLICC (zu dt. P-L-U-R-V) zusammen. Laut Cook ergeben sich so die Kategorien (1) Pseudo-Experten, (2) logische Trugschlüsse, (3) unerfüllbare Erwartungen, (4) Rosinenpickerei und (5) Verschwörungsmythen.

Der Blog „Klimafakten.de“ stellt in einem Beitrag das sogenannte F-L-I-C-C-Konzept vor, auf Deutsch P-L-U-R-V (Pseudo-Experten, Logik-Fehler, Unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei sowie Verschwörungsmythen). Neben diesem Beitrag liefern die Betreiber des Blogs gut aufgearbeitetes Basiswissen, Infografiken, Branchenberichte und ein ausführliches Glossar zur Verfügung, das hervorragend sowohl für den Geographie- als auch den Ethikunterricht nutzbar ist.

Cook hat sich der Widerlegung von Falschinformationen verschrieben und darüber hinaus die Comicfigur „Cranky Uncle, Titel seines kürzlich veröffentlichten Buches sowie der gleichnamigen App, ins Leben gerufen. Nach Cook sind es immer dieselben fünf Techniken, die bei Desinformationskampagnen angewandt werden (vgl. Cook, 2020). Hat man die Grundstrategien der Leugner einmal durchschaut, sei man nach Cook viel weniger anfällig für weitere Versuche von Desinformationskampagnen. Die PLURV-Methoden geben den Schüler*innen das nötige Handwerkszeug, um die Argumente von Leugner*innen zu erkennen. Durch ihre Kenntnis ist es selbst bei geringfügiger Expertise auf dem Gebiet der Klimawissenschaften möglich, die Falschinformationen der Leugner mit logischem Denken zu entlarven.

Didaktisch-methodische Überlegungen – Vorgehen mit der Gruppenpuzzle-Methode

Zu Beginn der Stunde sitzen die Schüler*nnen idealerweise an zuvor vorbereiteten Gruppentischen. Die Lehrkraft verweist auf die fiktive Person des Onkels[1], der der Kontextualisierung dient und die SchülerInnen im gesamten Verlauf der Stunde begleiten wird. Die Person des Onkels wurde von John Cook aus dem Englischen in Anlehnung an das Buch Cranky Uncle vs. Climate Change übernommen[2]. Diese Person wurde zum einen aus Gründen der Alltagsnähe ausgewählt.

Dies soll zur Überleitung in die erste Erarbeitungsphase dienen, in der die Schüler*innen in einem Gruppenpuzzle mit Stamm- und Expertengruppen erarbeiten sollen, wie man die Argumentation von Klimawandelleugnern verstehen und widerlegen kann. Ziel ist es, den Onkel von der Faktenlage zu überzeugen. Die Arbeitsmaterialien (vgl. Gruppenmaterialien 1-5, Die goldene Regel der Widerlegung) befinden sich bereits verdeckt auf den Tischen und können auf Anweisung der Lehrkraft sofort am Tisch verteilt und bearbeitet werden.

In den Expert*innengruppen arbeiten die Schüler*innen gemeinsam an der Analyse eines Arguments einer PLURV-Methode. Zunächst sollen sich die Schüler*innen das Argument des Klimawandelleugners auf der ersten Seite des Materials durchlesen und anschließend die Kernaussage des jeweiligen Arguments farbig markieren. Anschließend werden Behauptung und Begründung des Arguments von den Schüler*innen in einer vorstrukturierten Box auf dem Arbeitsblatt zusammengefasst. Die Vorstrukturierung soll den SchülerInnen die Bearbeitung der relativ komplexen Aufgaben erleichtern. In der zweiten Aufgabe sollen die SchülerInnen das Argument der entsprechenden Methode zuordnen. Die Lehrkraft kann an dieser Stelle unterstützend eingreifen und wenn nötig korrigieren. Im Anschluss an die Analyse der Methode des Klimawandelleugners und der Zusammenfassung seines Argumentes, sollen die SchülerInnen das Argument widerlegen. Dafür benutzen sie ein Blatt mit Materialien, das kurze Informationstexte, Grafiken oder Comics enthält. Aufgrund der Arbeit in Gruppen ist es möglich, bei der Analyse der Materialien arbeitsteilig vorzugehen. Zur Strukturierung dient dabei ein gereichtes Kärtchen mit der sogenannten goldenen Regel des Widerlegens (vgl. Winkler, 2020, S. 27). Um schwächere Schüler*innen zu unterstützen, können zur Binnendifferenzierung bei Bedarf die einzelnen Teile des Widerlegungsarguments in Form von Memorykärtchen als Hilfestellung ausgeteilt werden.

Anschließend folgt die Sicherung der Ergebnisse für die Stammgruppen (vgl. Sicherungsblatt). Auf diesem stellen die SchülerInnen den Irrglauben des Onkels, den dagegensprechenden Fakt aus den vorliegenden Materialien und abschließend eine knappe Definition der jeweiligen PLURV-Methode dar.

Im Anschluss begeben sich die Schüler*innen in ihre Stammgruppen. In diesen präsentieren sie sich wechselseitig die Ergebnisse des zuvor erarbeiteten Arguments des Klimawandelleugners und die entsprechende Widerlegung desselbigen. Dabei greifen sie auf die präzise und knapp auf dem Sicherungsblatt festgehaltenen Ergebnisse der Expertengruppe zurück. Nach der Präsentation kleben die Schüler*innen ihr Sicherungsblatt auf das vorgefertigte Sicherungsplakat, auf dem bereits die einzelnen PLURV-Symbolbilder[3] abgedruckt sind. Nach der Präsentation der Ergebnisse in den Stammgruppen ist die Gruppenarbeitsphase abgeschlossen und der Unterricht wird im Plenum fortgesetzt.

Nachdem die Schüler*innen nun den Onkel widerlegt haben, werden sie im Plenum dazu angeregt, über die negativen Folgen der Verbreitung von Falschinformationen zu reflektieren. Sie werden feststellen, dass dies die Untergrabung wissenschaftlicher Erkenntnisse darstellt und Angst in der Bevölkerung schüren kann. Die SchülerInnen werden dadurch darauf aufmerksam gemacht, dass es von höchster Wichtigkeit ist, Falschinformationen und Irrglauben hinsichtlich wissenschaftsbasierter Thesen zu widerlegen, da diese sonst präsent bleiben und uns an der Richtigkeit wissenschaftlich belegter Informationen zweifeln lassen. Es sollte den Schüler*innen bewusst werden, dass das Verhalten eines jeden Einzelnen dazu beträgt, die Spirale der Falschinformation (vgl. J. Cook, 2020a, S. 158)zu durchbrechen. Zudem stellen Freunde und Familie die zweitwichtigste Informationsquelle für uns dar, da das Vertrauen bei der Vermittlung von Informationen eine große Rolle spielt. Abschließend sollen die SchülerInnen dem Onkel Hinweise für die Zukunft geben, wie er sich vor Falschinformationen schützen kann. Hier werden die SchülerInnen die Auseinandersetzung mit den PLURV-Methoden nennen, denn wie oben bereits beschrieben, stellt deren Kenntnis eine Art „Schutzimpfung“ gegenüber Leugnerargumenten dar. Den Schüler*innen sollte bewusst werden, dass es wichtig ist, den Diskurs über den Klimawandel zu bestimmen und den Klimawandelleugner*innen keine Chance zu geben, ihre Hypothesen zu verbreiten.

Text: Luisa Betz

Unterrichtsmaterial: Luisa Betz

Bilder: John Cook & Marie-Pascale Gafinen

Literatur:

Cook, J. (2020, 24. März). A history of FLICC: the 5 techniques of science denial. Cranky Uncle. https://crankyuncle.com/a-history-of-flicc-the-5-techniques-of-science-denial.

Cook, J. (2020a). Cranky Uncle vs. Climate Change: How to Understand and Respond to Climate Science Deniers. Citadel Press.

Lewandowsky, S., Cook, J., Ecker, U. K. H., Albarracín, D., Amazeen, M. A., Kendeou, P., Lombardi, D., Newman, E. J., Pennycook, G., Porter, E. Rand, D. G., Rapp, D. N., Reifler, J., Roozenbeek, J., Schmid, P., Seifert, C. M., Sinatra, G. M., Swire-Thompson, B., van der Linden, S., Vraga, E. K., Wood, T. J., Zaragoza, M. S. (2020). The Debunking Handbook 2020. Verfügbar unter https://www.climatechangecommunication.org/debunking-handbook-2020/.

Sälzer, C. (2021, Mai). Lesen im 21. Jahrhundert. Lesekompetenz in einer digitalen Welt. https://www.oecd.org/pisa/PISA2018_Lesen_DEUTSCHLAND.pdf.

Winkler, B. & Cook, J. (2020). Fake News über den Klimawandel erkennen und entlarven. [Vorlesungsfolien]. PDF. https://hochschule-n-bw.de/wp-content/uploads/2020/05/FakeNews-%C3%BCber-Klimawandel-erkennen-und-entlarven.pdf.


[1] Die Bilder und Materialien zum Cranky Uncle sind von John Cook und werden kostenlos und gemeinfrei zur Verfügung gestellt.

[2] John Cook entwickelte auch die App „Cranky Uncle“, in der in Form eines Quiz die klimaleugnenden Aussagen des „Cranky Uncle“ durch richtige Antworten widerlegt werden sollen. Da die App bisher nur auf Englisch verfügbar ist und die SchülerInnen in der 8. Jahrgangsstufe noch nicht über ausreichendes Vokabular verfügen, um die wichtigen Aussagen der Charaktere in der App zu verstehen, eignet sich eine Verwendung der App im Unterricht der Mittelstufe leider nicht. Für ältere SchülerInnen wäre die App jedoch hervorragend geeignet.

[3] Die Illustrationen stammen von der Grafikdesignerin Marie-Pascale Gafinen und können mit Genehmigung der klimafakten.de-Redaktion gerne weiterverbreitet und verwendet werden.