Lösungsorientierte Didaktik

Die für die Oberstufe entwickelte lösungsorientierte Geographiedidaktik nach Hoffmann (2018a,b; 2021) geht bei einer Unterrichtsreihe nicht vom Problem aus, sondern von der Lösung, um dann kritisch zu fragen, welche Probleme diese löst und ob sie dies hinreichend tut. Erst im Anschluss wird der Problemkomplex genauer erörtert. Abschließend wird nach weiteren und ggf. besseren Lösungsbeispielen gesucht. Im Folgenden wird eine ausgearbeitete Doppelstunde vorgestellt, in der es um Zukunftsvorstellungen und zwei Lösungsansätze geht, zum Einsatz in der Mittelstufe. Das Material kann für verschiedene Schularten und Jahrgangsstufe differenziert werden. Im Text werden Vorschläge gegeben, an welchen Stellen und auf welche Weise etwas weggelassen werden kann.

Unterrichtsdurchführung „Fallanalyse zur Standtentwicklung“

Im Zentrum der hier vorgeschlageen Unterrichtseinheit von – je nach Durchführung zwei bis drei Stunden – steht die Methode der Fallanalyse. Faktische und ethische Fragen lassen sich mit der Methode der Fallanalyse systemisch klären, sodass die Problematik eines Falles, hier unter dem übegeordneten Thema „Nachhaltige Stadtentwicklung“ nach und nach erfasst werden kann. Dabei ist der folgende Ablauf vorgesehen:

Wesentlich ist, dass die faktische Analyse, also die Analyse der geographischen Sachverhalte, maßgeblich die ethische Analyse beeinflusst.

Hinführende Arbeitsphase

a. Beschreibe das Bild und schließe auf die darin abgebildete Problematik in Bezug auf die Gestaltung freier Flächen im gebauten städtischen Raum (gebauter Raum = Gebäude; nicht gebauter Raum = Grünflächen, z. B. Erholungsflächen, Parkanlagen).

b. Definiere den Begriff „Flächenversiegelung“ mit Blick auf das Bild in deinen eigenen Worten.

c. In einigen deutschen Städten gib es sogenannte „Schotterungsverbote“ für Gärten. Beurteile, ob dir ein solches Verbot angemessen erscheint.

d. Formuliere eine eigene Lösungsidee für das Problem.

Erarbeitung I: Fallbegegnung – Spontanurteil

Der Fall: Eine Großstadt in Deutschland im Jahr 2022
In einer Stadt in Deutschland sollen pro Jahr mindestens 5.000 Wohnungen entstehen, um dem Mangel an (bezahlbaren) Wohnungen in der Stadt zu verringern. Die Stadt wächst seit Jahren (= Urbanisierung/Verstädterung). Der Zuzug von Menschen aus dem Umland ist ungebremst, vor allem die Zentrumsnähe (= Reurbanisierung) ist wieder attraktiv. Das hat dazu geführt, dass Wohnraum knapp wird und ist ein Grund dafür, dass die Mieten in den Städten in die Höhe schießen. Mehr Wohnungsangebote sollen die Preise senken. Die Planung eines neuen Wohnprojektes in einem zentrumsnahen Stadtteil soll nun den Neubau von rund 1.100 Wohnungen ermöglichen. Es sollen vor allem Wohnungen mit später günstigen Mieten gebaut werden, denn die Mietpreise sind für viele Menschen nicht mehr bezahlbar, gerade in Zentrumsnähe. Ein Wohnen weit außerhalb der Stadt ist günstiger, kann aber, wenn keine Nahverkehrsanbindung vorliegt, vermehrtes Fahren mit dem PKW bedeuten. Dieses Projekt treibt aber auch die Flächenversiegelung in der Stadt voran, die dazu führt, dass sich die Stadt immer weiter aufheizt. Im neu geplanten Stadtteil soll auf eine gute Durchmischung der Bepflanzung geachtet werden, um den Artenschutz und die Bindung von C02 zu gewährleisten. Zudem sollen Gärten entstehen, die auch für Menschen mit geringem Einkommen zugänglich sind, so dass diese dort Gemüse anbauen können. Das soziale Miteinander soll im Rahmen von Urban Gardening-Projekten gepflegt werden. Im Grunde ist das Gärtnern in Städten die Wiederbelebung einer Idee, die so alt ist, wie die Städte selbst. Nun soll gemeinsam mit den Bürger*innen entschieden werden, ob und wie hier günstige Wohnungen entstehen sollen. Für eine Entscheidung muss als erstes die Faktenlage genau geprüft werden.

a. Stelle dir vor du wärest an der Entscheidung beteiligt, wüsstest aber noch nicht, welche Rolle du hättest (Bürger*in in Wohnungsnot, Mitglied im Urban Gardening-Verein, Stadträtin). Formuliere, welche Aspekte zur Abwägung stehen und welche Position, du als Unbeteiligte*r hierzu einnehmen würdest.

Erarbeitung II: Fallbearbeitung – Faktische Analyse – Gruppenarbeit

b. Unterstreicht in der Fallbeschreibung „Eine Großstadt in Deutschland im Jahr 2022“ wichtige Begriffe und klärt unbekannte Wörter in der Klasse. Bearbeitet im Anschluss die Arbeitsblätter A und B in arbeitsteiliger Partnerarbeit; die Klasse wird dafür in zwei Hälften A und B geteilt.

c. Stellt eure Ergebnisse der Klasse vor.

Arbeitsmaterial Gruppe A – Urbanisiserung und Wohnraum

1. a. Besprecht die Abbildung und erklärt, welche Entwicklung hier veranschaulicht wird.

b. Erläutert, welche Inhalte des Textes die Abbildung zeigt.

c. Erläutert, welche Inhalte des Textes zum Zuzug der Menschen in Städte die Abbildung nicht zeigt.

2. Ergänzt die Zusammenhänge, die in den unten stehenden Sätzen formuliertsind, mit Blick auf den oben beschriebenen Fall.

3. Formuliert eigene Zusammenhänge mit Blick auf den oben beschriebenen Fall.

Arbeitsmaterial Gruppe B – Flächenversiegelung und Stadtklima

1. a. Besprecht die Abbildung und erklärt, welche Entwicklung hier veranschaulicht wird.

b. Erläutert, welche Inhalte des Textes die Abbildung zeigt.

c. Erläutert, welche Inhalte des Textes zu Flächenversiegelung und Stadtklima die Abbildung nicht zeigt.

2. Ergänzt die Zusammenhänge, die in den unten stehenden Sätzen formuliertsind, mit Blick auf den oben beschriebenen Fall.

3. Formuliert eigene Zusammenhänge mit Blick auf den oben beschriebenen Fall.

Erarbeitung III: Fallbearbeitung – Faktische Analyse – Concept-Map

Hinweise zur unterrichtlicnen Durchführung: Die Methode des Concept-Mapping ist eine Methode zur Förderung des systemischen, vernetzenden Denkens. Hauptphänomene-/felder des Problems werden in ihrer gegenseitigen Vernetzung dargestellt. Wie komplex die Concept Map am Ende wird und wie viel der Klasse zu Beginn vorgegeben wird, ist offen und richtet sich nach dem Leistungsniveau der Schüler*innen. Die Concept-Map kann auch als lebendige Concept Map gestaltet werden. Dann wird der Raum zur Concept Map. Die Begriffe liegen am Boden. Die Schüler*innen stellen sich darauf und bewegen sich zu den anderen Schüler+innen, indem sie ihre Verbindung artikulieren. Beispiel „Wohnraum“ geht zu Versiegelung und sagt: ich verstärke dich.“

1. Vervollständigt die Concept Map mit Blick auf eure Ergebnisse und den Text.

Hinweise: Ihr könnt auch weitere Begriffe (z.B. Vegetation/Pflanzenwelt) ergänzen. Die Pfeile können mit Verben (erhöht/verringert, …) oder mit mehr/weniger beschriftet werden. Die Concept Map kann in unterschiedlicher medialer Weise dargestellt werden.

Erarbeitung IV: Fallbearbeitung – Ethische Analyse

Viele wollen nachhaltig handeln und sich den globalen Herausforderungen stellen, aber wann ist es nachhaltiges Handeln und inwiefern ist dieses gut? Im Folgenden wird der Fall ethisch geprüft.

1. Klärt vorab im Unterrichtsgespräch die Dimensionen der Darstellung; Hinweis: Diese bezieht sich auf das sogenannte Dreieck der Nachhaltigkeit.

2. Vertiefe dein Verständnis des Modells, indem du den Fall „Eine Großstadt in Deutschland im Jahr 2022“ darin einordnest.

3. Wie kann, darf und soll im vorliegenden Fall abgewogen werden? Das ist eine ethische Frage:

a. Formuliere mit Hilfe der Abbildung ethische Fragen, die sich aus dem Text ergeben.

b. Tragt eure Fragen in der Klasse zusammen.

c. Welche Fragen markieren die Kernfragen des ethischen Problems? Beurteilt gemeinsam.

Erarbeitung V: Fallreflexion

Abschließendes Urteil der Fallanalyse

1. Betrachte dein erstes Urteil zu dem Fall „Eine Großstadt in Deutschland im Jahr 2022“ in Hinblick auf die folgenden Fragen erneut:

a. (Wie) Berücksichtigt es die herausgearbeiteten Kernfragen des ethischen Problems?

b. (Wie) Würdest du nach der ethischen Analyse eine andere Entscheidung fällen?

c. (Wie) Würdest du dich anders entscheiden, wenn du wüsstest, wer du bist (jemand in Wohnungsnot, ein Beteiligter am Urban Gardening Projekt, ….) du hast?

Reflexion der Fallanalyse

1. Verfasse einen kurzen Text, in dem du zu einer der folgenden Fragen Stellung beziehst:

a. Ist es gerecht, unterschiedliche Bedürfnisse von Beteiligten unterschiedlich zu berücksichtigen?

b. Ist es gerecht zu fordern, alle Seiten des Nachhaltigkeitsdreiecks (ökonomisch, sozial, ökologisch) gleich zu berücksichtigen?

3. Lest euch eure Stellungnahmen gegenseitig vor und besprecht Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

Transfer

Auch global gesehen wachsen die Städte. Was heißt das in Hinblick auf die Belastungsgrenzen der Erde und die globalen Herausforderungen?

1. Beschreibe die Abbildung.

2. Erläutere, welche Belastungsgrenzen in dem dargestellten Fall „Eine Großstadt in Deutschland im Jahr 2022“ angesprochen werden.

3. Erkläre, wie die Belastungsgrenzen zusammenhängen.

Unterrichtsmaterial: Marie UIlrich-Riedhammer (2022)

Literatur:

Dietrich, J. (2017). „Das muss doch jede*r für sich selbst wissen!“? Fallanalysen zur Angewandten Ethik. Ethik & Unterricht 4, 9-12.

Franzen, H. (2017). Fallanalysen im Ethik- und Philosophieunterricht. In sechs schritten zu einem reflektierten Urteil. Ethik & Unterricht 4, 4-8.

Hoffmann, T. (2018a). TERRA Globale Herausforderungen 1. Die Zukunft, die wir wollen. Stuttgart: Klett.

Hoffmann, T. (2018b). Gerüstet für die Zukunft. Aufgaben des Geographieunterrichts. Praxis Geographie 1, 4-9.

Hoffmann, T. (2021). Globale Herausforderungen und SDGs – ein strikt lösungsorientierter Unterrichtsansatz. In A. Eberth & C. Meyer (Hg.), Didaktische Ansätze und Bildungsangebote zu den Sustainable Development Goals. (Hannoversche Materialien zur Didaktik der Geographie, Band 11, S. 33-41). Hannover. 

Mehren, R. & Ulrich-Riedhammer, E.M. (2021). Der Kampf ums Ackerland. Faktische und ethische Komplexität im Kontext der Nachhaltigkeit. Praxis Geographie 3, 20-25.

Ulrich-Riedhammer, E.M., Applis, S. & Mehren, R. (2022). Nachhaltigkeit und Ethisches Lernen im Kontext einer lösungsorientierten Didaktik. In M. Dickel, G. Gudat & J. Laub. Ethische Orientierung für die Geographiedidaktik. Bielefeldt: transcript (im Erscheinen).

Zur Komplexität und Frage der Vereinbarkeit verschiedener Nachhaltigkeitsziele: https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/stadt-und-gesellschaft/216884/sozialvertraeglichkeit-und-umweltorientierung